Polar Camp Rodøy
Bis in die frühen Morgenstunden habe ich noch auf Polarlichter gehofft.
Dieses Mal allerdings ohne Erfolg – obwohl die Bedingungen eigentlich perfekt waren.
Auch heute kündigt sich wieder ein schöner Tag an.
Die Temperaturen sind… mild.

Also mild im arktischen Sinne. Alles ist relativ.
Für den Mittag habe ich mir vorgenommen, die Fähre weiter nach Norden zu nehmen. Danach geht es entlang der FV17 Richtung Fauske – eine Strecke, die landschaftlich einiges verspricht.
Vor der Abfahrt stehen allerdings noch die üblichen Pflichtübungen an:
entsorgen, Wasser nachfüllen, alles wieder startklar machen.
Wobei – beim Thema Wasser gab es noch eine kleine Überraschung.
Mein Frischwasser war nämlich eingefroren.
Bei der letzten Modifikation habe ich zwei Schläuche etwas zu nah an der Außenwand verlegt.
Genau dort verläuft natürlich kein Heizungsrohr, und die Temperaturen erreichen offenbar problemlos Werte, bei denen Wasser beschließt, in den Aggregatzustand „unbeweglich“ zu wechseln.
Das Ergebnis:
Die Schläuche funktionieren plötzlich wie eine sehr zuverlässige Dichtung.
Pumpe, Ausgleichsbehälter und Druckminderer für den Boiler sind zwar beheizt – aber hinter dem Küchenblock kommt davon offensichtlich nicht mehr genug an.
Fazit:
Neues Projekt für später.
Immerhin:
Die Temperaturen sind inzwischen wieder deutlich über –20 °C, tagsüber sogar einstellig negativ.
Und siehe da – mein Wasser fließt wieder ganz normal aus dem Hahn.
Manchmal lösen sich Probleme im Norden eben einfach dadurch,
dass es ein bisschen weniger kalt wird.
Kilbohamn ferjekai
Jetzt geht es mir wie Kai.
Im Internet hatte ich vorab die Fährzeiten recherchiert.
13:15 Uhr Abfahrt – klang gut, passte perfekt in den Plan.
Nur leider… war das nicht die offizielle Seite.
Am Hafen angekommen folgt die Korrektur durch die Realität:
Die nächste Fähre fährt erst um 14:30 Uhr.
Also habe ich jetzt unerwartet Zeit.
Ich nutze sie, um ein paar Fotos von den Hafenanlagen im Winterschlaf zu machen. Alles wirkt ruhig, fast eingefroren – als würde auch der Hafen selbst erst wieder im Frühjahr richtig aufwachen.
Nebenbei treffe ich noch ein paar Schweizer.
Auch sie hatten denselben Fahrplan gefunden wie ich.
Also den falschen.
Immerhin:
Ich bin mit diesem kleinen Navigationsfehler nicht allein.
Und irgendwie gehört genau so etwas ja auch dazu –
Pläne machen, korrigieren und zwischendurch einfach das Beste daraus machen.





Auf der Fähre
Dieses Mal überquere ich den Polarkreis auf einem Schiff.
Auch das hatte ich bisher noch nicht.
Mit der kostenlosen Fähre von Kilboghamn nach Jektvik ist das nämlich ganz unkompliziert möglich – und nebenbei bekommt man noch eine ordentliche Portion Landschaft dazu.

Während die Fähre ruhig durchs Wasser gleitet, öffnet sich der Blick auf eine Umgebung, die fast schon zu schön wirkt, um beiläufig an einem vorbeizuziehen.
Ein Moment, der sich eigentlich nach mehr anfühlt als nur einer geografischen Linie auf der Karte.
Aber genau so passiert es dann eben:
Man steht an Deck, schaut in die Weite –
und überquert ganz nebenbei den Polarkreis.




Lislvika rasteplass
Von Jektvik, dem Zielhafen der Fähre, geht es weiter nach Norden.
Die Landschaft bleibt beeindruckend – vielleicht sogar noch ein Stück mehr als zuvor. Und eigentlich wäre es genau einer dieser Momente, in denen man alle paar Minuten anhalten müsste, um nach neuen Fotomotiven zu suchen.
Aber heute habe ich ein klares Ziel.
Etwa 15 Kilometer die Straße entlang liegt ein Rastplatz, auf dem man übernachten kann. Laut Karte und Recherche ist er nahezu ideal gelegen: eingerahmt von Bergen, aber mit fast freier Sicht nach Norden.
Also genau der richtige Ort, um vielleicht endlich einmal Polarlichter zu fotografieren.
Wenig später erreiche ich den Platz.
Und tatsächlich: Die Vermutung bestätigt sich.

Der Spot ist… nahezu perfekt.
Weite Sicht, ruhige Lage, genau die richtige Mischung aus Schutz und Offenheit.
Ganz allein bin ich allerdings nicht.
Das italienisches Paar von der Fähre mit ihrem Van hatte offenbar exakt die gleiche Idee.
Ansonsten bleibt es ruhig.
Niemand sonst kommt dazu.
Und so verteilt sich jeder auf seinen Platz,
mit genügend Abstand – und der gemeinsamen Hoffnung,
dass der Himmel heute Nacht vielleicht doch noch grün wird.
Sie sind da
Und dieses Mal passiert es tatsächlich. Sie sind da.
Kaum ist es draußen richtig dunkel, beginnt die Show.
Zuerst noch vorsichtig, fast zurückhaltend –
ein paar grüne Schleier am Himmel.
Trotzdem, selbst aus dem Van sind sichtbar – und das bei eingeschalteter Innenbeleuchtung.
Und dann entwickelt sich alles sehr schnell.

Die Polarlichter erreichen eine Intensität, wie ich sie bisher noch nie erlebt habe.
Teilweise sind sie so hell, dass man fast den Eindruck bekommt, man könnte problemlos ein Buch lesen.
Der Himmel bewegt sich, pulsiert, verändert sich ständig – und ich versuche, mit meinen beiden kleinen Kameras irgendwie Schritt zu halten.
Fotos, Einstellungen anpassen, Perspektiven wechseln – und gleichzeitig darauf achten, nichts zu verpassen.
Um flexibel zu bleiben und auch Videos aufnehmen zu können, lasse ich zusätzlich Zeitrafferaufnahmen laufen.

Nach etwa einer Stunde lässt die Intensität etwas nach.
Nicht viel – aber genug, um kurz innezuhalten.
Und zu merken:
Mir ist kalt.
Also schnell zurück in den Van, eine Schicht mehr anziehen, Hände wieder halbwegs auftauen.
Kaum bin ich wieder draußen, habe meinen Stuhl aufgebaut und mich eingerichtet, passiert es erneut:

Die Intensität nimmt wieder zu.
Als hätte der Himmel nur kurz gewartet, bis ich wieder bereit bin.
Und sie hören nicht auf.
Die Polarlichter begleiten mich bis in die frühen Morgenstunden des nächsten Tages.
Ein Schauspiel, das man zwar erwartet – aber in dem Moment trotzdem kaum glauben kann.

Das Abendessen fällt an diesem Tag entsprechend… aus.
Ganz pragmatisch muss eine schnöde Packung Chips reichen.
Prioritäten sind schließlich klar:
Wenn der Himmel tanzt, wird nicht gekocht.
