Orbis Balticus – Tag 2

Noch ist es früh am Morgen. Also für unsere Verhältnisse.

Unsere Nachbarn sind allerdings schon verschwunden. Zuerst die Schweizer. Dann die anderen Deutschen. Dafür sind inzwischen ein paar Hundespaziergänger dazugekommen.

Wir wollen ja auch weiter. Richtung Stockholm. Also zunächst einmal nach Dänemark und dann über die Brücken nach Schweden.

Kurz hatten wir auch über eine der verschiedenen Fährvarianten nachgedacht. TT-Line, Finnlines, Stena und Co. sind für uns allerdings wesentlich teurer als die Brücken. Dazu sind einige der passenden Abfahrten für unsere Fahrzeuggröße bereits ausgebucht.

Also Landweg.

Für die Öresundbrücke haben wir den ØresundGO-Vertrag und einen Transponder. Nur der Storebælt ist nicht ganz so preiswert.

Und wo wir gerade bei den Brücken sind: Auf Dänisch ist eine Brücke eine bro und die Brücke broen. Auf Schwedisch heißt es bro und bron. Deshalb fahren wir in Dänemark über die Storebæltsbro(en) und zwischen Dänemark und Schweden über die Öresundsbro(n).

Wieder etwas gelernt.

Trotzdem ist die Kombination aus Brücken und längerer Fahrstrecke für uns die ökonomisch beste Variante. Selbst bei den hohen Dieselpreisen.

Und so geht es an diesem Morgen weiter nach Norden.

Durch Dänemark

Dänemark empfängt uns mit ein wenig Sonne und viel Regen. Und viel Verkehr. Viel mehr als gestern.

An der Grenze werden wir allerdings nicht kontrolliert. Das hatten wir im Vorfeld anders gehört. Schließlich führt auch die Bundespolizei bei der Einreise nach Deutschland hier mitunter Kontrollen durch.

Unterwegs begegnen uns immer wieder Land Rover, meist Defender. Auffällig viele sogar.

Wahrscheinlich fand an diesem Wochenende das Jahrestreffen des dänischen Land Rover Clubs statt. Zumindest würde das die Defender-Dichte auf dänischen Straßen ganz gut erklären.

Storebæltbroen

Der Verkehr heute ist recht zäh. Kein Vergleich zu gestern, als wir die Autobahnen fast für uns hatten.

Auch beim Wetter ist noch etwas Luft nach oben zum perfekten Feriensommer. Immer wieder wird der Nieselregen von heftigen Schauern abgelöst. Dazu ist es teilweise ziemlich windig.

So windig, dass einige Brücken für Wohnwagengespanne aktuell sogar gesperrt sind.

Sind wir vor der Brücke teilweise mit gerade einmal 40 km/h unterwegs, wird es danach langsam besser. Je näher wir Kopenhagen kommen, desto entspannter wird die Verkehrslage.

Immerhin etwas.

Öresundbron

Die Überfahrt hat mit wechselndem Wetter und starkem Wind so einiges zu bieten. Irgendwo auf der Brücke überqueren wir dann auch die Grenze nach Schweden.

Auf den Stau vor der Zahlstelle hätten wir allerdings verzichten können. Warum es sich dort überhaupt staut, können wir nur mutmaßen. Denn als wir schließlich an der Reihe sind, können wir mit unserem E-Tag einfach durchfahren.

So, wie es eigentlich sein sollte.

Im Raum Malmö scheint dann plötzlich die Sonne. Also richtig. Nicht nur so ein bisschen.

Das ist doch mal eine freundliche Begrüßung in Schweden.

Inzwischen ist auch klar, wohin wir heute noch wollen. Zumindest ungefähr.

Bis in die Nähe von Växjö soll es noch gehen.

EPAs/A-Traktoren – Wir sind in Schweden

In Schweden sind sie allgegenwärtig. Diese meist mächtig modifizierten Fahrzeuge mit dem orange-roten Dreieck am Heck. Sie fahren maximal 30 km/h und halten damit nicht selten den Verkehr auf.

Aber nicht nur dadurch fallen sie auf. Meist hört man sie schon aus einiger Entfernung.

Und das weniger wegen einer mitunter etwas optimierungsbedürftigen Abgasanlage, sondern wegen stark überdimensioniert erscheinender Bassanlagen, die die gespielte Musik nicht nur hörbar, sondern auch physisch spürbar machen. Ein bisschen wie beim Konzert. Nur auf Rädern.

A-Traktoren sind vor allem bei jungen Schweden populär. Umgangssprachlich werden sie auch heute noch häufig EPA oder EPA-Traktoren genannt.

Das Besondere: Ein A-Traktor ist rechtlich kein gewöhnlicher PKW, sondern ein entsprechend umgebautes und zugelassenes Fahrzeug, dessen Höchstgeschwindigkeit auf 30 km/h begrenzt ist. Mit AM-Führerschein darf er bereits ab 15 Jahren gefahren werden.

Die Geschichte dahinter reicht erstaunlich weit zurück.

Bereits Ende der 1920er und in den 1930er Jahren entstanden in Schweden aus Autos und Autoteilen einfache und preiswerte landwirtschaftliche Zugmaschinen. Für sie etablierte sich die Bezeichnung EPA-Traktor.

Von Billigwaren zu landwirtschaftlichen Maschinen

Das „EPA“ geht auf Enhetsprisaktiebolaget zurück, eine schwedische Billigwarenhauskette. Der Name stand für preiswerte und eher einfache Waren – und wurde entsprechend auf die günstig zusammengebauten Ersatztraktoren übertragen.

Die heutigen A-Traktoren sind streng genommen etwas anderes. Sie wurden später als eigene Fahrzeugklasse eingeführt und lösten die EPA-Traktoren schließlich ab. Seit 1975 können keine neuen EPA-Traktoren mehr zugelassen werden.

Der Name ist trotzdem geblieben.

Und aus dem einst billigen Arbeitsgerät ist längst etwas völlig anderes geworden: ein Stück schwedische Jugendkultur. Die Fahrzeuge werden teilweise aufwendig umgebaut und individualisiert. Und die Musikanlage scheint dabei gelegentlich mindestens so wichtig zu sein wie der Motor.

Benjamin Nørskov

Der in Schweden geborene und in Dänemark aufgewachsene Fotograf Benjamin Nørskov hat sich über mehrere Jahre intensiv mit dieser Kultur beschäftigt. Für sein Langzeitprojekt EPA Sverige reiste er durch Schweden und porträtierte Jugendliche zusammen mit ihren A-Traktoren.

Seine Bilder sind definitiv einen Blick wert.

Benjamin Nørskov – EPA Sverige

Kleiner Badplats

Ganz unspektakulär und schwedisch entspannt kommen wir ein paar Stunden später an einem kleinen Badplats südöstlich von Växjö an. An diesem Badplats war ich in den vergangenen Jahren schon häufiger.

Im Sommer ist der ebenfalls ganz hübsch.

Der Regen aus Dänemark hat inzwischen allerdings auch Schweden erreicht. Zumindest entsteht dieser Eindruck, sobald man sich nach draußen begibt.

Die Badepläne werden daher erst einmal verschoben.

Und so verbringen wir den Abend gemütlich und fast schon ein wenig herbstlich mit Kochen, Essen, Lesen und einem Feierabendbier.

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