Orbis Balticus – Tag 18

Brat & Breakfast

Gut geschlafen genießen wir noch ein wenig den Morgen am Strand.

Aber irgendwann müssen wir uns mit der Weiterfahrt beschäftigen.

Wer mitgezählt hat, weiß: Uns bleibt pro Land nur noch ein Tag.

Vorher muss allerdings noch ein anderes Problem gelöst werden.

Im Kühlschrank befinden sich noch ein paar Eier, eine einsame bereits gegrillte Wurst und etwas Käse.

Zwiebeln haben wir auch.

Zwiebel und Wurst an Käse im Eiernebel.

Das hört sich doch nach etwas an.

Damit hätten wir ein richtiges Brat & Breakfast.

Vielleicht war das letzte Bier gestern doch eines zu viel. 😅

Riga

Unsere Planung hat ergeben, dass wir heute einen Nationalpark westlich von Riga ansteuern wollen.

Dafür müssen wir einmal durch Riga – beziehungsweise mehr oder weniger um das Zentrum herum.

Und wenn man so etwas macht, bekommt man zwangsläufig eine kleine Rundfahrt entlang der großen Einkaufszentren.

Da hier auch nicht alles Autobahn ist, können wir der Versuchung schließlich nicht widerstehen und machen beim Sāga eine Pause.

Wenn wir schon einmal hier sind, können wir bei Decathlon schließlich auch gleich eine Outdoorwaschmaschine kaufen.

Also einen wasserdichten Sack.

Der Plan ist einfach: Dreckige Wäsche hinein, Wasser und Waschmittel dazu, Sack verschließen und anschließend während der Weiterfahrt im Fahrzeug mitführen.

Den Rest erledigen die Bewegungen des Vans.

Zumindest in der Theorie.

Wir werden sehen.

Von Milch und so

Und ein kurzer Besuch in einem kleineren Rimi muss natürlich auch noch sein.

Schließlich wollen wir Lettland nicht wieder verlassen, ohne wenigstens einmal in einem lettischen Supermarkt gewesen zu sein.

Und im Supermarkt fällt uns noch etwas auf.

Sprache.

Finnisch und Estnisch sind eng miteinander verwandt. Milch heißt auf Finnisch allerdings maito, auf Estnisch dagegen piim.

Und jetzt stehen wir in Lettland vor der Milch.

Hier heißt sie piens.

Piim. Piens.

Das klingt verdächtig ähnlich, obwohl Lettisch und Estnisch überhaupt nicht zur selben Sprachfamilie gehören.

Uns wird erzählt, das habe mit der Ausbreitung der Landwirtschaft im Baltikum zu tun und das lettische Wort sei aus dem Estnischen übernommen worden.

Eine schöne Geschichte.

Nur scheint es sprachgeschichtlich eher andersherum gewesen zu sein.

Das estnische piim gilt als sehr altes Lehnwort aus den baltischen Sprachen. Lettisch piens und litauisch pienas gehören dagegen ursprünglich selbst zum baltischen Wortschatz.

Der Zusammenhang mit Landwirtschaft und Viehhaltung könnte trotzdem stimmen: piim gehört offenbar zu einer ganzen Gruppe sehr alter baltischer Lehnwörter rund um die Viehwirtschaft.

Manchmal kann man Sprachgeschichte eben auch im Kühlregal entdecken.

Ķemeri National Park

Der Ķemeri-Nationalpark liegt westlich von Riga. Er besteht seit Ende der 1990er-Jahre und schützt eine außergewöhnlich vielfältige Feuchtlandschaft aus Hochmooren, Sümpfen, Seen, Wäldern und feuchten Wiesen.

Besonders bekannt ist das Große Ķemeri-Moor, das Lielais Ķemeru tīrelis, mit seinen unzähligen kleinen Moorseen und dem beliebten Holzbohlenweg samt Aussichtsturm.

Und genau diesen Bohlenweg wollen wir heute Abend noch bewältigen.

3,4 Kilometer.

Das klingt zunächst überschaubar.

Nach unserer Recherche besteht die eigentliche Herausforderung allerdings weder aus der Länge noch aus irgendwelchen nennenswerten Steigungen.

Sondern aus den vermutlich mehreren Milliarden Vertretern der Gattungen Culex und Tabanus sowie deren zahlreichen Verwandten.

Mücken und Bremsen.

Man muss offenbar damit rechnen, von der Wanderung komplett zerstochen und zerbissen zurückzukehren.

Wir werden sehen.

Das Große Ķemeri-Moor ist ein typisches Hochmoor. Abgestorbene Pflanzen werden im dauerhaft nassen und sauerstoffarmen Boden nicht vollständig zersetzt. So entsteht Torf und das Moor wächst über Jahrtausende langsam in die Höhe.

Dabei bildet sich jene typische Landschaft aus Torfmoosen, kleinen Wasserflächen und Moorseen, durch die heute der Bohlenweg führt.

Aber das Moor hatte für die Region noch eine ganz andere Bedeutung.

Der Moorschlamm und die Schwefelquellen in einem anderen Teil des heutigen Nationalparks galten bereits im 19. Jahrhundert als heilkräftig. Ķemeri entwickelte sich dadurch zum Kurort und zog – ähnlich wie Haapsalu – wohlhabende Gäste aus dem Russischen Kaiserreich an.

Den Teil mit den Schwefelquellen werden wir auf dieser Reise allerdings nicht mehr besuchen.

Der Parkplatz

Auf dem Parkplatz am Bohlenweg dürfen Wohnmobile für 24 Stunden stehen. Das kostet 10 Euro und kann per App bezahlt werden.

Zum Installieren kommen wir allerdings gar nicht erst.

Noch bevor wir damit fertig sind, steht schon eine junge Mitarbeiterin des Parks bei uns.

Und die ist ausgesprochen nett und hilfsbereit.

Wir kommen ins Gespräch und erfahren, dass sie ein Auslandsjahr in Langenfeld im Rheinland verbracht hat.

Das ist nun wirklich nicht weit von uns entfernt.

Da fährt man einmal quer durch Europa in ein lettisches Moor und trifft jemanden, der schon fast bei uns um die Ecke gewohnt hat.

Wie klein ist die Welt.

Und natürlich können wir die 10 Euro auch einfach mit Karte bezahlen.

Hier.

Mitten im Nirgendwo.

Ganz selbstverständlich.

Am Abend sitzen wir noch mit unseren niederländischen Nachbarn zusammen und tauschen unsere bisherigen Biererfahrungen aus.

Nur mit lettischem Bier können wir leider noch nicht dienen.

Das ist uns ausgerechnet in Riga irgendwie entgangen.

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