Nach einer unspektakulären Nacht stehen wir heute ziemlich früh auf.
Und das hat einen Grund.
Nein, es ist nicht die Raffinerie, die wir immer noch in der Ferne hören.
Wir hoffen darauf, einen Platz auf einem ganz bestimmten Parkplatz in Helsinki zu ergattern. Am Wochenende kann man dort kostenlos parken und die Innenstadt ist zu Fuß erreichbar.
Zumindest, wenn man gut zu Fuß ist.
Genau das wissen allerdings auch andere Camper und entsprechend beliebt ist der Parkplatz.
Also wollen wir früh dort sein.
Noch stehen wir aber auf unserer Rodung und damit irgendwie mitten in der Natur.
Und kurz bevor der letzte Schluck Kaffee getrunken ist und wir alles zusammenpacken, bekommen wir noch Besuch.
Zwei Rehe kommen vorbei.
Und die beiden sind sogar ausgesprochen kooperativ.
Sie warten geduldig, bis ich mein großes Tele herausgekramt habe.
Danke dafür.
Dann kann es nach Helsinki gehen.


Helsinki
Die Fahrt nach Helsinki ist kurz.
Und an diesem Samstagmorgen ist auf den Straßen noch angenehm wenig los.
Bevor wir uns allerdings ins Stadtgebiet stürzen, erledigen wir noch etwas ausgesprochen Spannendes:
Tanken.
Nur ein paar Liter. Damit wir morgen, wenn wir Helsinki wieder verlassen, nicht gleich als Erstes eine Tankstelle suchen müssen.
Vorausschauende Reiseplanung.
Kommt bei uns gelegentlich vor.
Parkplatz
Und dann haben wir es tatsächlich geschafft.
Wir ergattern einen Platz auf genau jenem kostenlosen Parkplatz, auf den wir gehofft hatten.
Der Van steht.
Kostenlos.
Und Helsinki liegt vor uns.
Also bequeme Schuhe an und los.
Unser Helsinkirundgang kann beginnen.


Hafen und Kathedralen
Wir sind am Hafen unterwegs und schlendern über den dortigen Markt, der irgendwie hauptsächlich für Touristen gemacht zu sein scheint.
Zwar gibt es auch Obst und Gemüse zu kaufen, doch dazwischen reihen sich zahlreiche Stände mit Tinnef und angeblich „finnischen Spezialitäten“.
Dabei lernen wir schnell:
Alles, was auch nur eine Spur Rentier oder Elch enthält, gilt offenbar automatisch als finnische Spezialität.
Die Uspenski-Kathedrale, eine russisch-orthodoxe Kirche aus dem 19. Jahrhundert, thront auf einem Felsen oberhalb des Hafens.
Wie so oft auf Reisen zeigt sie sich allerdings nicht ganz von ihrer besten Seite. Bauarbeiten sorgen dafür, dass manche Perspektiven eher nach Baustellendokumentation als nach Postkarte aussehen.
Wir beschließen daher, die Kathedrale von der Rückseite aus zu erkunden.
Unterwegs kommen wir an einem kleinen Café vorbei, das uns geradezu magisch anzieht.
Cappuccino.
Schließlich muss man Prioritäten setzen.
Danach sind wir bereit, den Aufstieg fortzusetzen.
Der von uns gewählte Weg eröffnet uns außerdem einen schönen Blick auf den Yachthafen und auf die zahlreichen Wohn- und Geschäftshäuser aus der Zarenzeit des späten 19. Jahrhunderts.
Vom Felsen aus lässt sich zwischendurch auch immer wieder ein Blick auf die andere große Kathedrale der Stadt erhaschen, den Dom von Helsinki.
Als wir unseren Weg fortsetzen, begegnen wir schließlich noch einem Weltreisenden aus Uri.
Ein Burow Oman auf Basis eines 3,2-Liter-Ranger – und mit einem leicht individuellen Design.
Und dann auch noch aus Uri.
Natürlich fällt uns der auf.














Dom und Altstadt
Dom
Der Dom ist unser nächstes Ziel.
Und wir scheinen einen guten Augenblick erwischt zu haben. Es sind zwar Touristen unterwegs, aber noch nicht zu viele. Und auch das Licht spielt mit.
Der heutige Dom von Helsinki entstand Mitte des 19. Jahrhunderts, als Finnland zum Russischen Kaiserreich gehörte. Trotz seines damaligen Namens Nikolaikirche und der engen Verbindung zu Zar Nikolaus I. war er von Anfang an als lutherische Hauptkirche Helsinkis geplant.
Ganz ohne orthodoxes Gegenstück sollte das neue repräsentative Zentrum allerdings nicht bleiben. Auch eine orthodoxe Kirche war vorgesehen. Zunächst entstand die kleinere Dreifaltigkeitskirche; die weithin sichtbare Uspenski-Kathedrale oberhalb des Hafens kam erst einige Jahrzehnte später hinzu.
Wie große Teile des historischen Zentrums von Helsinki ist auch der Dom im neoklassizistischen Stil errichtet.

Bahnhofsviertel
Ein weiteres interessantes Gebäude ist der Hauptbahnhof.
Der erste Bahnhof Helsinkis war schnell zu klein geworden, sodass Anfang des 20. Jahrhunderts ein Neubau geplant wurde. Den Wettbewerb gewann Eliel Saarinen mit einem zunächst deutlich nationalromantischeren Entwurf. Während der weiteren Planung wurde dieser allerdings stark verändert.
Statt einer romantisierten mittelalterlichen Burg sollte der neue Bahnhof modern aussehen.
Und genau das tut er bis heute.


Interessant ist der Vergleich mit dem Finnischen Nationaltheater gleich nebenan. Dessen heutiges Gebäude wurde 1902 nach Plänen von Onni Tarjanne eröffnet und ist deutlich stärker vom finnischen Nationalromantismus geprägt.
Ein weiteres markantes Gebäude entdecken wir später mit dem Kaufhaus Stockmann. Das Unternehmen selbst ist deutlich älter, aber das heutige große Kaufhaus im Zentrum von Helsinki wurde erst 1930 eröffnet.


Wenn man an einem Samstag so durch die Straßen von Helsinki läuft, begegnet man natürlich auch allerlei illustren Figuren mit den unterschiedlichsten Intentionen.
Und dann steht da plötzlich dieser Foodtruck.
Dr. Oetker Pizza.
Die verkaufen doch nicht ernsthaft aufgebackene deutsche Tiefkühlpizza mitten in Helsinki?
Nein.
Noch besser.
Sie verschenken sie.
Na gut.
Da muss man dann natürlich zuschlagen.


Westlich des Hauptbahnhofs
Wir gehen weiter vom Viertel rund um den Hauptbahnhof in Richtung Westen.
Dabei stoßen wir auf einen Gebäudekomplex, den wir ziemlich schnell den 1930er-Jahren zuordnen.
Und tatsächlich: Der Lasipalatsi, der Glaspalast, stammt aus genau dieser Zeit und ist ein ziemlich typisches Beispiel für den finnischen Funktionalismus.
Dass sich darin ein Moomin Shop befindet, wird von Dani natürlich ebenfalls sofort bemerkt.
Und besucht.
Um die Ecke liegt der Lasipalatsi-Platz.
Dort fallen uns zunächst einige ziemlich spektakuläre Betonkuppeln auf. Menschen sitzen darauf, Kinder laufen und klettern darüber.
Was von oben wie eine ungewöhnlich gestaltete Stadtlandschaft aussieht, sind in Wirklichkeit die Dächer der unterirdischen Ausstellungssäle des Amos Rex Museums. Die runden Öffnungen dienen dabei als Oberlichter und bringen Tageslicht hinunter in das Museum.
Die Idee hinter dem Ganzen gefällt uns.
Das Gebäudeensemble aus den 1930er-Jahren sollte erhalten bleiben. Gleichzeitig wollte man auch die Offenheit des Platzes nicht mit einem weiteren großen Museumsbau zerstören.
Also ging man einfach nach unten.
Und machte das Dach des Museums zum Platz.
Weiter geht es durch Helsinki.
Im weiteren Verlauf unserer kleinen Stadtwanderung wird die Architektur deutlich moderner.


Kamppi
Irgendwann landen wir in Kamppi.
Auf den ersten Blick vor allem ein großes Einkaufszentrum zwischen mehreren modernen Gebäuden. Tatsächlich steckt hier aber deutlich mehr übereinander und untereinander, als man von außen vermuten würde.
Im Komplex befinden sich neben dem Einkaufszentrum eine Metrostation und ein großer Busbahnhof, dessen Terminals teilweise unterirdisch angelegt sind. Darüber und drumherum stehen Büro-, Wohn- und Geschäftsgebäude.
Ein ziemlich beeindruckendes Stück Stadtplanung.
Irgendwie haben wir davon kein einziges Foto gemacht.
Warum auch immer.
Oben angekommen gibt es dann wieder ältere Architektur, Kunst, lustige Sprüche an Bars und einige weitere interessante Gebäude, über die wir allerdings nichts herausfinden können.






Und schließlich die Felsenkirche.
Die würden wir uns eigentlich gerne ansehen.
Allerdings scheinen diese Idee an diesem Samstag noch ein paar andere Menschen zu haben.
Sehr viele andere Menschen.
Angesichts des Massenandrangs sparen wir uns Eintritt und Besichtigung.
Man muss schließlich nicht jede Sehenswürdigkeit gesehen haben.

Von der Felsenkirche geht es wieder zurück in Richtung Bahnhof.


Parlament
Dabei kommen wir am finnischen Parlamentsgebäude vorbei.
Und irgendwie komplettiert es die Sammlung der Baustile, die uns auf unserem Rundgang bisher begegnet sind.
Das Anfang der 1930er-Jahre fertiggestellte Gebäude ist ein Vertreter des nordischen Klassizismus. Keine verspielten Fassaden, keine übermäßige Dekoration. Stattdessen klare Formen, Symmetrie und eine monumentale Säulenfront, die sich unverkennbar an der klassischen griechischen und römischen Architektur orientiert.
Auf Bells and Whistles wurde weitgehend verzichtet.
Heute geht es vor dem Parlament allerdings deutlich bunter zu.
Exiliraner demonstrieren auf dem Platz und ergänzen damit die erstaunliche Mischung an Veranstaltungen, auf die wir an diesem Samstag in Helsinki stoßen.
Ein Thai-Festival hatten wir bereits.
Ein Feldhockey-Showturnier ebenfalls.
Jetzt eine Demonstration von Exiliranern.


Bibliothèque
Und als Nächstes bewegen wir uns auf ein Italien-Festival vor der Zentralbibliothek zu.
In Helsinki ist heute offenbar einiges los.
Auf dem Weg dorthin kommen wir zunächst am Musiikkitalo vorbei, dem großen Konzerthaus Helsinkis.
Hier fand bislang unter anderem die Mirjam Helin International Singing Competition statt – einer der international bedeutenden Wettbewerbe für klassischen Gesang. Seit 1984 treten dort junge Sängerinnen und Sänger aus aller Welt gegeneinander an; einige der früheren Preisträger haben anschließend internationale Karrieren gemacht.
Also gewissermaßen die sehr professionelle und sehr klassische Variante all jener kleinen und großen Gesangswettbewerbe, denen man im Sommer in Skandinavien und Finnland immer wieder begegnet.
Nur eben mit Opernarien statt Popmusik.





Oodi
Unser eigentliches Ziel ist aber die Zentralbibliothek Oodi.
Sie entstand anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der finnischen Unabhängigkeit und ist weit mehr als einfach nur eine Bibliothek.
Oodi soll auch ein Statement darüber sein, welchen Stellenwert Bildung, Demokratie und öffentlicher Raum in Finnland haben.
Und selbst ihr Standort ist entsprechend gewählt.
Direkt gegenüber vom Parlament.
Auf der einen Seite die gewählten Vertreter.
Auf der anderen die Bürger.
Dazwischen ein öffentlicher Platz.
Die Anordnung soll damit auch für den Dialog zwischen Bevölkerung und Politik stehen.
Ziemlich viel Symbolik für eine Bibliothek.
Die Bibliothek bietet gleich mehrere Möglichkeiten, einen Kaffee zu trinken und eine Kleinigkeit dazu zu essen.
Also quasi Fika mitten zwischen Büchern.
Das erinnert uns ein wenig an die Borders-Buchläden, die wir vor vielen Jahren in den USA kennengelernt haben. Auch dort gehörte das Café irgendwie zum Buchladen dazu.
In Oodi könnte man seinen Kaffee sogar mit nach draußen auf die Dachterrasse nehmen.
Könnte man.
Uns ist es heute dafür allerdings eindeutig zu windig.
Gut gestärkt schauen wir uns noch eine andere Etage an.
Und spätestens hier wird deutlich, dass Oodi tatsächlich mehr sein will als einfach nur eine Bibliothek.
Es gibt 3D-Drucker, kleine CNC-Maschinen und weitere Geräte, die man für wenig Geld nutzen kann.
Quasi ein kleines öffentliches Maker-Lab.
Gefällt uns.
Danach setzen wir unseren Weg durch die Stadt fort.

Helsinki Food court und so
Natürlich muss es noch ein weiterer Moomin-Shop sein.
Diesen finden wir im Gebäudekomplex des Svenska Teatern.
Und während ich draußen die Sonne genieße und einfach ein wenig die Geschäftigkeit um mich herum beobachte, verschwindet Dani im Shop.
Für gefühlte Stunden.
Und wird natürlich auch noch fündig.
Danach treten wir langsam den Rückweg zum Van an. Wir brauchen inzwischen beide eine kleine Pause, um die vielen Eindrücke des Tages ein wenig zu verarbeiten.




Das hält Helsinki allerdings nicht davon ab, uns unterwegs noch ein paar Dinge zu zeigen.
Zum Beispiel die Pavillons der Esplanadi.
Dort verpassen wir ziemlich präzise ein kostenloses Konzert einer Jazzband.
Sie hören auf, als wir kommen.
Timing können wir.
Weiter geht es Richtung Hafen und zur alten Markthalle.
Ende des 19. Jahrhunderts wollte man den bis dahin vor allem auf den offenen Märkten stattfindenden Lebensmittelhandel besser organisieren und hygienischer machen. Also sollte auch Helsinki eine richtige Markthalle bekommen.
Mit der Planung wurde der Architekt Gustaf Nyström beauftragt. Bevor er seinen Entwurf vorlegte, beschäftigte er sich mit den Markthallen in verschiedenen europäischen Großstädten. 1888 begann schließlich der Bau, ein Jahr später wurde die Vanha Kauppahalli eröffnet. Sie ist damit die älteste Markthalle Helsinkis.
Architektonisch ist sie gar nicht so einfach in eine Schublade zu stecken. Historisierende Backsteinfassaden treffen auf eine Konstruktion, bei der Eisen und die Anforderungen einer modernen Markthalle des ausgehenden 19. Jahrhunderts eine deutlich sichtbare Rolle spielen.
Heute ist die Halle allerdings gespickt mit Shops, die vor allem Touristen „finnische Kultur“ verkaufen wollen. Die wenigen normalen Lebensmittelstände sind deutlich in der Minderheit.
Ganz ähnlich wie auf dem Markt quasi um die Ecke.
Nur mit Dach.





Helsinki am Abend
Nach unserem ausgiebigen Helsinkirundgang legen wir erst einmal eine Pause im Van ein.
Den Abend wollen wir aber noch in der Stadt verbringen.
Das Wetter ist angenehm, bei den vorhergesagten Temperaturen und dem leichten Wind kann es allerdings nicht schaden, einen Hoodie mitzunehmen.
Eigentlich hätten wir gerne irgendwo in einem Pub noch etwas Livemusik gehört.
Aber wir finden nichts.
Im August scheint das hier erstaunlich schwierig zu sein.
Also steuern wir wieder das Hafenviertel an, in dem wir heute Morgen schon unseren Kaffee getrunken haben.
Fast direkt neben dem Café gibt es das Sköne.
Einen kleinen, urigen Pub mit ein paar Stühlen draußen.
Zunächst denke ich beim Namen irgendwie an Skåne. Das würde sogar passen, denn der Besitzer spricht auch Schwedisch. Und selbst sein Kassensystem tut das.
Aber damit hat der Name offenbar gar nichts zu tun.
„Sköne“ ist ein finnisches Dialektwort aus der Gegend um Helsinki und bedeutet schlicht Meer oder See.
Passt für einen Pub am Hafen irgendwie auch besser.
Am späten Nachmittag hatte sich die Sonne weitgehend hinter den Wolken versteckt. Kurz nach Sonnenuntergang beschließt sie dann allerdings, uns doch noch etwas zu bieten.
Und zwar ziemlich spektakulär.




Also versuchen wir natürlich, das Schauspiel noch einmal am Dom einzufangen.

Auf dem Rückweg zum Van begegnet uns schließlich noch dieser kleine Geselle.
Er versucht offenbar nur, irgendwelche Sachen von A nach B zu bringen.
Was ihm allerdings durch all die Menschen erschwert wird, die ihm hinterherlaufen und ihn fotografieren wollen.
Wir natürlich nicht.
Also fast nicht.




