Wir erinnern uns: Ich bin am Vorabend bei Engelsons auf dem Wohnmobilstellplatz gelandet.
Inzwischen ist es Morgen – wobei „Morgen“ hier oben eher eine theoretische Zeitangabe ist, denn draußen ist es immer noch dunkel genug, um problemlos weiter schlafen zu können.
Der Plan für heute klingt erfreulich überschaubar:
Ein paar Kleinigkeiten bei Engelsons einkaufen, in Örebro die Räder wechseln und anschließend so weit wie möglich nach Norden fahren.

Also im Grunde ein ganz normaler, einfacher Reisetag.
Mit anderen Worten: eine dieser Aufgabenlisten, die in der Theorie völlig harmlos wirken.
Wir werden sehen.
Engelsons
Engelsons ist so eine Art Spielplatz für Menschen, die freiwillig bei Minusgraden draußen unterwegs sind. Ein Outdoorladen mit allem, was man für Kälte, Jagd und diverse Aktivitäten braucht, bei denen andere sich fragen würden, ob man nicht einfach drinnen bleiben könnte.
In der Filiale in Falkenberg fehlt mir eigentlich nur noch das Nötigste:
ein wenig warme Unterwäsche und ein paar ordentliche Socken. Also genau die Dinge, die darüber entscheiden, ob man sich draußen wohlfühlt – oder seine Lebensentscheidungen hinterfragt.

Außerdem entdecke ich diese praktischen Bänder für Fäustlinge, damit sie nicht verloren gehen. Eine dieser kleinen Erfindungen, bei denen man sich fragt, warum man sie nicht schon viel früher hatte.
Ein kleiner Rückschlag zeigt sich allerdings auch:
Meinen inzwischen sehr geschätzten Thermo-Kaffeebecher von Yeti habe ich zu Hause im Schrank stehen lassen. Ein klassischer Anfängerfehler.
Glücklicherweise gibt es hier ein ähnliches Modell von Primus. Und bei meinem Kaffeekonsum ist das weniger ein Kauf als vielmehr eine notwendige Infrastrukturmaßnahme.
An diesem Morgen bin ich der erste – und bis zu meinem Verlassen auch der einzige – Kunde im Laden.
Das hat zur Folge, dass mir praktisch sofort mehrere hilfsbereite Menschen gleichzeitig zur Verfügung stehen, die entweder aktiv unterstützen oder sich auf angenehm entspannte Art in Smalltalk üben – was in Südschweden offenbar zum guten Ton gehört.
Mit einem gewissen beruflichen Hintergrund im Bereich Personalführung entsteht dabei ganz leise der Eindruck, dass mein Einkauf für das Team gerade interessanter ist als die ursprünglich geplanten Aufgaben des Tages.
Was man aber definitiv festhalten muss:
Alle, mit denen ich heute bei Engelsons zu tun habe, sind ausgesprochen freundlich und tun alles dafür, dass ich ein rundum gelungenes Einkaufserlebnis habe.
Und ganz ehrlich:
So lässt man sich gerne beim Kauf von Outdoorequipment beraten.
Örebro
Dann geht es weiter Richtung Örebro. Ganz unspektakulär eigentlich.
Nun gut – es liegt bereits hier im Süden Schnee. Das war in den letzten Jahren eher die Ausnahme, also zumindest ein kleines Upgrade in Sachen Winterstimmung.
Zwischendurch wird noch einmal getankt, und am frühen Nachmittag – rund 400 km später – erreiche ich Shurgard, wo ich meine normalen Räder eingelagern werde.
Hier steht der nächste Programmpunkt an: Rädertausch auf Spike-Reifen.
Bei etwa –6 °C lässt sich das überraschend gut erledigen. Schwitzen ist ausgeschlossen – eher das Gegenteil. Man arbeitet in einer Temperaturzone, die man als „angenehm kühl“ bezeichnen könnte, wenn man nicht alle paar Minuten daran erinnert würde, dass Finger ohne Handschuhe sehr schnell ihre Funktion einstellen.

Der eigentliche Räderwechsel geht dieses Mal erstaunlich effizient: 40 Minuten.
Mit kleineren Nebenschauplätzen – einer leicht widerspenstigen Tür und dem Pendelverkehr zwischen Lagerraum und Fahrzeug – wird daraus am Ende aber doch gut eine Stunde Aufenthalt.

Danach folgt noch ein kurzer Realitätscheck beim Reifendruck:
Vom Reifenhändler waren etwa 2,3 bar drauf – vorgesehen sind eher 3,3 bar.
Das hätte man natürlich auch vor der Abfahrt prüfen können. Aber wo bliebe dann der Roadtrip-Charakter?
Also zur Tankstelle um die Ecke. Dort steht ein Kompressor, der offenbar bereits im Winterschlaf-Modus arbeitet.

Das Auffüllen der Luft dauert entsprechend… gemächlich. Sehr gemächlich.
Oder anders gesagt: Ich habe selten so lange zugesehen, wie sich Luft langsam in einen Reifen hineinüberlegt, ob sie wirklich hineinmöchte.
Örebro bis Mora
Weiter geht es nach Norden.
Mein Ziel: ein Freilichtmuseum südlich von Mora. Dort soll es einen Stellplatz geben, der auch im Winter zumindest teilweise geräumt ist – obwohl das Museum selbst geschlossen hat. Klingt nach genau der Art von Logik, die man auf solchen Reisen zu schätzen lernt.
In Lesjöfors komme ich an einem COOP-Supermarkt vorbei. Höchste Zeit, die wirklich lebenswichtigen Dinge wieder an Bord zu holen:
Pripps Blå, Chips und Digestives.
Gut, und ein paar Nebensächlichkeiten wie Brot, Salat, vegane Tortellini und Grillkorv. Man will ja ausgewogen bleiben.
Kurz vor dem Museum fällt mein Blick in eine Nebenstraße:
Drei Land Rover stehen dort – zwei Defender und ein Disco.
The Orange Defender ist mit einer größeren Gruppe von über 50 Fahrzeugen unterwegs. Vielleicht gehören diese drei dazu. Vielleicht auch nicht.
Es sieht jedenfalls so aus, als würden sie gerade ihr Nachtlager vorbereiten. Also beschließe ich, sie nicht zu stören.
Was sollte ich mich irren.
Am Museum selbst ist lediglich der normale Parkplatz geräumt. Ich entscheide, dass es wohl in Ordnung ist, hier für eine Nacht zu stehen.
Bleibt noch die Frage: Wie bezahlt man hier eigentlich?
Also kämpfe ich mich heldenhaft durch einen durchaus ernstzunehmenden Schneehaufen zu einem Schild vor. Nach etwas Freikratzen und Entziffern ergibt sich die Antwort:
Bezahlung im Café.
Das Café öffnet allerdings… erst im Frühjahr wieder.
Perfekt.
Ein Bezahlsystem, das saisonal verfügbar ist – während der Parkplatz ganzjährig genutzt werden kann.
Skandinavische Effizienz auf eine sehr entspannte Art.
