Tag 4: Strömsund bis Rana

Heute breche ich früh auf.

Der ursprüngliche Plan, nach Jokkmokk zu fahren, wird kurzerhand angepasst. Stattdessen geht es weiter Richtung Mo i Rana, genauer gesagt in die Kommune Rana.

Ein klassischer Fall von:
Plan vorhanden – Realität hat andere Ideen.

Unterwegs passiert dann genau das, was solche Tage besonders macht:
Ich komme immer wieder zum Stehen, weil sich ständig neue Motive anbieten.

Das Licht, die Landschaft, der Schnee – alles lädt dazu ein, die Kamera nicht allzu lange ruhen zu lassen.

So wird aus einer eigentlich geplanten reinen Fahrtstrecke plötzlich ein Tag, an dem ich vor allem eines habe:

richtig viel Spaß beim Fotografieren.

Strömsund

Wir erinnern uns:
Ich stehe knapp nördlich von Strömsund, an einer kleinen, wenig befahrenen Straße abseits der E45.

Nach Abendessen, Polarsteps-Update und etwas Lesen bin ich irgendwann im Bett gelandet.
Und jetzt ist Morgen. Ich bin wach. Denn…

Wer früh ins Bett geht, steht früh auf.
Ich war zwar gar nicht früh im Bett – aber offenbar gilt diese Regel auch für alle anderen, die heute einer normalen Tätigkeit nachgehen müssen.

Bevor ich eingeschlafen bin, ist genau ein einziges Fahrzeug an meinem eher… bescheidenen Übernachtungsplatz vorbeigefahren.

Seit dem frühen Morgen sieht das allerdings ganz anders aus:
Jetzt kommen regelmäßig Fahrzeuge vorbei.

Zeit also, die eigenen Geister mit Kaffee zu reaktivieren, alles zusammenzupacken und weiterzufahren.

Eigentlich wollte ich ja heute noch nach Jokkmokk.
Oder?

Gestern hatte mein Erkältungslevel bereits spürbar zugelegt. Einen Zaubertrank dagegen gibt es leider nicht.

Und in Jokkmokk warten heute etwa –30 °C – mit Aussicht auf ähnlich „warme“ Temperaturen in den nächsten Tagen.

Aktuell fällt es mir schwer, mir vorzustellen, bei solchen Bedingungen freiwillig draußen unterwegs zu sein.

Hochnebel bei Strömsund

Also: Planänderung.

„Leben in der Lage“ nennt man das wohl.

Wenn man Erkältung und extreme Kälte kombiniert, ist das Ergebnis selten besonders überzeugend.
Die naheliegende Lösung: weniger von beidem.

Und was liegt da näher als die norwegische Küste?
Die könnte ich bis heute Abend erreichen – und dort bei geradezu milden –10 °C übernachten.

Ein Temperaturunterschied, der sich plötzlich fast nach Frühling anfühlt.

Der neue Plan steht.
Jetzt muss er nur noch umgesetzt werden.

Hoting

Die täglichen Dinge des Vanlife lassen sich nicht immer überall erledigen.
Müll fachgerecht entsorgen gehört definitiv dazu.

Zum Glück sind die Raststätten entlang der E-Straßen in Skandinavien dafür erstaunlich gut ausgestattet.

An vielen dieser Plätze kann man sogar im Winter den flüssigen Inhalt der Toilette entsorgen. Die entsprechenden Bereiche sind beheizt – was auch sinnvoll ist, wenn man möchte, dass die ganze Sache nicht in einen eher festen Aggregatzustand übergeht und dann nicht mehr abfließt.

Während ich meine kleinen logistischen Aufgaben hier in Hoting erledige, treffe ich auf zwei Schweizer, die die Nacht zwischen einer Reihe parkender LKW verbracht haben.

Viel Schlaf dürften sie nicht bekommen haben.

Ein Kühlkoffer kann nämlich nicht nur kühlen, sondern auch wärmen – zumindest relativ gesehen. Also den Koffer wärmer als die aktuellen –25 °C halten.

Wenn man allerdings mit einem VW T5 daneben steht und die Motoren der LKW im Takt durchlaufen, braucht man vermutlich schon eine ganze Herde Schafe, um einigermaßen zur Ruhe zu kommen.

Zwischen all den Nutzfahrzeugen fällt mir noch ein besonders illustres Gefährt auf:

Ein stark verlängerter Volvo, der offensichtlich sehr gerne eine Stretch-Limousine wäre.

Wäre er schwarz lackiert, könnte man fast glauben, er sei hier von den
Leningrad Cowboys einfach stehen gelassen worden.

Was auch irgendwie ins Gesamtbild passen würde.

Dorothea

Lappland.
Das eigentliche Ziel meiner Reise.

Und hier, bei Dorotea, überschreitet man ganz offiziell die Grenze.
Ein guter Moment, um kurz anzuhalten – wenn nicht physisch, dann zumindest gedanklich – und diesen kleinen Meilenstein zu feiern.

Das Wetter passt perfekt zur Szenerie:
kalt.

Die Farbpalette hält sich ebenfalls angenehm zurück und bewegt sich irgendwo zwischen Grau, Weiß und Schwarz – ganz so, wie man sich einen nordischen Winter vorstellt, wenn man vorher lange genug darüber nachgedacht hat.

Natürlich ist „Lappland“ kein Begriff mit klarer Abgrenzung.
Samische Kultur und Familien findet man auch weiter südwestlich im Jämtland.

Aber ich bin weder Ethnologe noch Geograf.
Nur ein ziemlich interessierter Tourist, der sich freut, hier zu sein – ganz egal, wie genau die Grenze nun im Detail definiert ist.

Manchmal reicht es eben völlig aus,
zu wissen, dass man angekommen ist.

Storumans Komun

Inzwischen habe ich die E45 verlassen.
Das neue Ziel: die Küste auf der anderen Seite der Berge.

Über kleinere Straßen geht es weiter, hinein in eine Winterlandschaft, die wirkt, als hätte jemand sie direkt aus einem Märchenbuch kopiert.

Mehr als eine Stunde lang begegnet mir kein einziges Fahrzeug.
Nur Schnee, Bäume, Stille – und das leise Gefühl, gerade genau am richtigen Ort zu sein.

Zwischendurch kämpft sich sogar die Sonne durch Nebel und Hochnebel und taucht die Landschaft in ein gedämpftes, fast unwirkliches Licht. Kein strahlendes Blau, sondern eher ein vorsichtiges Leuchten in verschiedenen Pastelltönen, das perfekt zu dieser Umgebung passt.

Und während das alles passiert, zeigt das Thermometer ganz unaufgeregt:
–30 °C.

Eine Temperatur, bei der eigentlich alles stillsteht –
oder auch nicht.

Tärnaby

Nach meinem ungeplanten, aber durchaus ergiebigen kleinen Fotoausflug erreiche ich schließlich die E12.

In Tärnaby bietet sich noch einmal die Gelegenheit, vor der norwegischen Grenze zu tanken. Und die sollte man nutzen. Durch veränderte Steuersätze ist Diesel in Schweden aktuell deutlich günstiger als in Norwegen oder Finnland.

Also: Tank vollmachen, bevor es teuerer wird.

Wenn man schon einmal da ist, lohnt sich auch ein kurzer Abstecher zum COOP.
Es gibt nämlich noch eine zweite Flüssigkeit, die man sich lieber in Schweden gönnt als in Norwegen:

Bier.

Und so finden – neben ein paar weiteren Kleinigkeiten – auch zwei Sixpacks Pripps Blå ihren Weg in meinen Einkaufswagen.

An der Kasse läuft alles wie geplant.
Erst danach stellt sich die eigentlich entscheidende Frage:

Warum habe ich mir dafür einen Trolley genommen?

Denn dieser zeigt sich auf dem verschneit-vereisten Parkplatz wenig kooperativ.
Rollen ist hier eher ein theoretisches Konzept.

Also wird aus dem komfortablen Transportmittel kurzerhand eine Mischung aus Schlitten und Widerstandstraining.

Auch eine Art, sich warm zu halten.

Mo-i-Rana

Die E12 wirkt deutlich touristischer als die kleinen Nebenstraßen zuvor.
Immer wieder begegnen mir Fahrzeuge mit Anhängern für Schneemobile. Kein Wunder – das Wetter ist perfekt dafür.

Trotzdem hat auch diese Strecke landschaftlich einiges zu bieten, und ich genieße die Fahrt, bis ich – fast punktgenau zur Rush Hour – in Mo i Rana ankomme.

Hier erwartet mich eine Premiere:
Mein erster Stau seit Kopenhagen.

Und wie immer zeigt sich:
Wenn man keinen festen Plan hat, muss man ihn unterwegs umso konsequenter immer wieder neu erfinden.

Beim letzten Einkauf habe ich nämlich ein paar entscheidende Dinge vergessen:
Wasser. Essen für die nächsten Tage.
Und – besonders relevant – Essen für heute Abend.

Der Kühlschrank präsentiert sich entsprechend… übersichtlich.

Zum Glück ergibt sich die Lösung quasi von selbst:
Direkt neben dem Stau hat jemand einen Extra-Supermarkt mit ausreichend Parkraum gebaut.

Perfektes Timing.

Wir haben Anfang Februar, und der Valentinstag wirft bereits seine Schatten voraus.
Die entsprechende Aktionsware ist im Extra… sagen wir: kaum zu übersehen.

Ich frage mich kurz:
Kai, brauchst du nicht vielleicht doch noch einen oder eine Mitreisende?

Parallel dazu erreicht die fünfte Jahreszeit in der Heimat ihren Höhepunkt.

Und passend dazu gibt es hier – völlig unerwartet – tatsächlich Berliner im Angebot.

Ein kleines Stück kulturelle Verwirrung, irgendwo zwischen Nordnorwegen und Rheinland.

Manchmal liefert ein Supermarkt eben mehr als nur Verpflegung –
nämlich auch ein bisschen Heimatgefühl auf Umwegen.

Rana

Kurz bevor das letzte Licht des Tages endgültig der Nacht weicht, erreiche ich meinen Stellplatz.

Die Wahl fiel auf einen Rastplatz, bei dem im Vorfeld nicht ganz klar war, ob er im Winter geräumt ist. Die Angaben bei Park4Night waren – sagen wir – interpretationsfähig.

Jetzt kann ich es präzisieren:
Aktuell ist er nicht geräumt.

Der Schnee ist allerdings fest genug, dass ich den Platz auch mit dem Transit gut befahren kann. Bis ich allerdings halbwegs gerade stehe, braucht es noch ein wenig Vorwärts, Rückwärts, Korrektur, nochmal Vorwärts – das übliche Rangierballett auf winterlichem Untergrund.

Um ehrlich zu sein:
Dieser Platz war nicht meine erste Wahl.

In der Nähe gab es laut P4N noch einen anderen Spot mit großartigen Bildern. Angeblich ebenfalls geräumt.

Das stimmte auch.
Allerdings handelte es sich dabei um ein… Fußballfeld.

Der Parkplatz daneben wurde offenbar ausschließlich von Schneemobilen genutzt – was in meinem Fall nur bedingt hilfreich war.

Und dann war da noch Google Maps, das mir wie gewohnt den „optimalen“ Weg vorschlug.
Optimal bedeutete in diesem Fall: schmal, verschneit und mit einem gewissen Potenzial für neue Kratzer – oder alternativ die Möglichkeit, steckenzubleiben, wenn man genau diese vermeiden möchte.

Dank Allrad konnte ich mir zumindest die Variante mit externer Hilfe ersparen.

Am Ende also zurück zum ursprünglichen Plan:
Ein nicht geräumter Rastplatz, der sich als überraschend solide Lösung herausstellt.

Manchmal ist eben nicht der perfekte Spot entscheidend –
sondern der, den man am Ende tatsächlich erreicht.

Der weitere Abend

Nun, da mein Kühlschrank wieder einen akzeptablen Füllstand erreicht hat, kann das Kochen beginnen.

Auf dem Menü stehen:
Zwiebeln, Pilze und veganes Geschnetzeltes – ja, das gibt es tatsächlich auch in Norwegen. In diesem Fall allerdings noch die bewährte Variante aus Lidl Deutschland.

Mit etwas Sojasauce und Gewürzen verwandelt sich das Ganze in eine durchaus solide Füllung für Wraps.

Allerdings habe ich offenbar für eine Personengruppe gekocht, die nicht anwesend ist.
Das Ergebnis: ausreichend Vorrat für morgen – und heute verzichte ich sogar auf die Wraps selbst.

Effiziente Planung… rückwirkend betrachtet.

Zum Abschluss gibt es noch eine Dose Pripps Blå als Dessert, bevor ich mich den unvermeidlichen Social-Media-Aktivitäten widme.

Ein ganz normaler Abend also –
irgendwo zwischen norwegischer Küste, improvisierter Küche und digitaler Nachbearbeitung.

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