Heute wird es von Rana bis Rodøy gehen.
Ein kalter Wind begrüßt mich am Morgen.
Aber längst nicht mehr so kalt wie in den Nächten zuvor.
Mit –9 °C fühlt sich das fast schon nach Frühling an – zumindest nach arktischen Maßstäben.
Heute steht ausnahmsweise keine große Strecke auf dem Plan.
Stattdessen: ein paar gute Fotos machen und der Erkältung die Gelegenheit geben, sich langsam wieder zu verabschieden.
Also ein eher ruhiger Tag.
Oder anders gesagt: gezielte Erholung mit gelegentlichen Kameraeinsätzen.

Flostrand
Einen im Deutschen durchaus amüsanten Namen hat dieser Ort.
Ob es hier wohl auch diese kleinen, nervigen Dinger am Strand gibt?
Einen Sandstrand konnte ich allerdings nicht entdecken. Vielleicht ist das hier eher die gehobene Variante: ohne Sand, ohne Nerven – nur mit Aussicht.
Die Fotos, die ich gemacht habe, sind nicht exakt von diesem Ort, aber aus der näheren Umgebung.
Mangels offizieller Parkmöglichkeiten habe ich mich kurz in ein paar Zufahrten gestellt. Die jeweiligen Eigentümer hat das erfreulicherweise wenig interessiert. Ein kurzer Gruß – und das war’s.
Beim Drohnenflug auf dem Rückweg wurde es dann noch einmal kurz… spannend.
Ich hätte die Drohne fast im Fjord versenkt, weil ich eine Stromleitung auf der Luftverkehrskarte übersehen hatte.
Am Ende bin ich mit etwas Glück unten durchgekommen – im wahrsten Sinne des Wortes.
Nach den Flügen gestern bei –24 °C hatten die Propeller bereits Eisansatz gebildet. Das macht sich dann recht schnell durch einen eher… unrunden Lauf bemerkbar.
Die Konsequenz:
Die Drohne hat jetzt einen neuen Satz Propeller bekommen.
Merke:
Wenn man bei arktischen Temperaturen fliegt, sollte man nicht nur Akkus, sondern auch ausreichend Ersatzpropeller dabeihaben.
Man weiß nie, wann der nächste Eisflug ansteht.



Fischerhütten
Wer kennt sie nicht: die kleinen roten Häuschen am Rand der Fjorde.
Man findet sie in Norwegen überall.
Mal sind sie perfekt gepflegt, fast schon fotogen geschniegelt –
und manchmal haben sie einen eher… unerfüllten Bedarf an Zuwendung.
Aber genau das macht ihren Charme aus.
Ein kleiner Fun Fact am Rande:
Die klassische rote Farbe in Schweden – oft als Falun-Rot oder Dalarnarot bekannt – hat ihren Ursprung im Eisenoxid, das als Abfallprodukt bei der Erzverhüttung anfiel. Praktisch, langlebig und irgendwann einfach Tradition geworden.
In Norwegen basiert der Farbton ebenfalls auf Eisenoxid.
Historisch wurde dieser jedoch an den Küsten teilweise auch aus eher… maritimen Quellen gewonnen – unter anderem aus Walblut.
Eine Information, die man im ersten Moment vielleicht nicht unbedingt mit diesen idyllischen Häuschen in Verbindung bringt.
Aber wie so oft gilt:
Hinter der schönsten Fassade steckt manchmal eine Geschichte, die ein wenig… erdiger ist, als man vermuten würde.


Rodøy
Am Nachmittag – und es ist tatsächlich noch hell – erreiche ich einen kleinen Campingplatz.
Die Lage ist beeindruckend: freie Sicht nach Norden und Nordosten. Also genau dorthin, wo sich Polarlichter gerne zeigen. Die Stellplätze sind zudem terrassenförmig angelegt, was nicht nur praktisch ist, sondern auch fotografisch einiges hergibt.
Grünes Leuchten am Himmel, dazu ein schöner Vordergrund – besser kann man es sich kaum wünschen.
Einchecken
Etwas anspruchsvoller gestaltet sich allerdings das Einchecken.
Die angegebenen Telefonnummern reagieren zunächst… gar nicht.
Irgendwann erreiche ich dann doch jemanden, und wenig später kommt eine ausgesprochen nette Dame zu Fuß zur Rezeption.

Nächste Herausforderung: Bezahlen.
Ich bin es gewohnt, in Norwegen alles problemlos mit Karte zu regeln. Entsprechend beschränkt sich mein Bargeldbestand auf ein paar 10-Kronen-Stücke, die man gelegentlich fürs Duschen benötigt.
Nur leider:
Keine meiner Karten funktioniert.
Auch die Maestrokarte nicht.
Die Hotlines in Deutschland sehen keine Belastungsversuche.
Die norwegische Seite ist sich sicher, dass alles funktioniert.
Zurück bleiben:
die freundliche Dame vom Campingplatz und ich – beide leicht ratlos.
Der nächste Geldautomat wäre etwa eine Stunde entfernt, also nicht gerade ein spontaner Spaziergang.
Wir einigen uns darauf, das Thema vorerst zu vertagen.
Ich suche mir einen schönen Stellplatz – was nicht schwer ist, da außer mir nur noch ein weiteres Fahrzeug hier steht – und gehe erst einmal duschen.
Zweiter Versuch
Als die Sonne bereits untergegangen ist, schaue ich noch einmal bei der Rezeption vorbei. Inzwischen ist auch der Inhaber da.
Er erzählt mir, dass die Chancen für Polarlichter heute Nacht hervorragend stehen.
Für den nächsten Abend plant er sogar, zu kochen – auch für Gäste. Ein paar Leute aus dem Dorf würden ebenfalls dazukommen.
Eine nette Idee, aber das passt nicht ganz zu meinen aktuellen Plänen.
Wir vereinbaren: Falls ich länger bleibe, melde ich mich einfach am nächsten Tag per WhatsApp.

Und dann war da ja noch das Thema mit dem Bezahlen.
Ein erneuter Versuch.
Diesmal funktioniert meine erste Karte sofort und völlig problemlos – als wäre nie etwas gewesen.
Niemand von uns kann sich erklären, warum.
Aber gut:
Manchmal lösen sich Probleme im Norden eben genauso unerwartet,
wie sie entstanden sind. Gelassenheit ist der Schlüssel zum Erfolg.

Abendessen
Es gibt eine wichtige Regel bei der Zubereitung eines Abendessens im hohen Norden zu dieser Jahreszeit:
Man muss regelmäßig den nördlichen Himmel auf Polarlichter überprüfen.
Das gehört quasi zum Kochprozess dazu.
Meine App prognostiziert allerdings für die nächsten Stunden eher bescheidene Aktivität.
Mein persönliches Orakel – etwa hundert Meter entfernt in Form des Campingplatzbesitzers – kündigt hingegen ein großes Spektakel an.
Die Ausgangslage ist also… gemischt.
Ich entscheide mich zunächst für das, was ich sicher beeinflussen kann:
Abendessen.
Es gibt Tortellini.
Mit Olivenöl und einer neuen, durchaus ambitionierten Gewürzmischung mit getrockneten Chilis, die mir meine Familie mit auf den Weg gegeben hat.
Also quasi:
Tortellini all’arrabbiata – arktische Interpretation.

Zwischen Rühren, Abschmecken, gelegentlichem Probieren, Essen, … geht es immer wieder nach draußen, um den Himmel zu kontrollieren.
Ergebnis:
kein Grün.
Auch nach mehreren Kontrollgängen bleibt der Himmel hartnäckig dunkel.
Gegen 2 Uhr morgens gebe ich schließlich auf und gehe ins Bett.
Meine App sieht für den Rest der Nacht ohnehin nur noch einen KP-Index von 1 bis 2.
Vielleicht war sie am Ende doch das verlässlichere Orakel.
