Noch ist es Nacht
Die Nacht war kurz.
Zwar bin ich schnell eingeschlafen – und das trotz der Ausdauer unserer lieben Nachbarn.
Zwischendurch werde ich einmal wach. Was mich geweckt hat, kann ich zunächst nicht sagen.
Dann vernehme ich verräterische Geräusche aus irgendeinem Zelt um mich herum.
Ein Reißverschluss wird betätigt. Offensichtlich in ziemlicher Hektik.
Dann der zweite vom Außenzelt.
Es folgt eine kurze Geräuschkulisse, die durchaus zu Gutalax passen würde.
Aber die spielen ja erst um 9:30 Uhr.
Dann wieder Ruhe.
Kein Zuziehen der Reißverschlüsse. Keine weiteren Geräusche, die auf unfreiwillige Magen- und Speiseröhrenaktivitäten hindeuten.
Ich denke kurz über das Schicksal der vermutlich noch immer offenen Zelteingänge nach.
Dann schlafe ich wieder ein.
Und die Sonne ist aufgegangen
Ich werde wieder wach. Es ist kurz nach sieben Uhr.
Also quasi noch mitten in der Nacht. Zumindest für ein Festival.
Meine Schulter fühlt sich irgendwie unangenehm an. Liegen kann ich jedenfalls nicht mehr, also muss ich wohl aufstehen.
Ok. Erst einmal Kaffee.
Von den Mitstreitern meiner Crew ist noch nichts zu sehen.
Heute soll es heiß werden. Je nach Vorhersage sind Temperaturen von mehr als 35 °C angekündigt. Nicht unbedingt das, was man sich für einen Festivaltag wünscht. Aber wir sind vorbereitet und werden überleben.
Mein Kaffee ist fertig und ich checke erneut die Lage vor der Tür meines Vans.
Alles ruhig.
Nur meine direkten – und erfreulich ruhigen – Nachbarn sitzen ebenfalls schon beim Kaffee. Spontan laden sie mich ein, mich dazuzusetzen.
Im kurzweiligen Gespräch geht es natürlich um Bands und das Festival, irgendwann aber auch darum, was wir im normalen Leben so machen.
Und dann die Überraschung.
Da campe ich als Physiker auf einem Metal-Festival ausgerechnet neben einer Physikerin.
Wie klein die Welt doch ist.
Frühstück und ein Plan
Irgendwann sind dann auch Niels und Rolfi wach und ich ziehe zum Frühstück zu ihnen um. Dabei wird natürlich auch der Plan für den Tag besprochen.
Angesichts der angekündigten Hitze entscheiden wir uns für eine energiesparende Festivalstrategie. Gemeinsam wollen wir erst am Abend zu Alestorm, Airbourne und Judas Priest ins Infield.
Ich werde allerdings auf jeden Fall schon mittags zu Alien Ant Farm gehen. Wahrscheinlich allein. Und wenn ich dann ohnehin schon im Infield bin, kann ich mir eigentlich auch noch ein paar andere Bands anhören.
So viel zur energiesparenden Festivalstrategie.
Meine Smartwatch verrät mir übrigens, dass es von unserem Camp bis ins Infield ziemlich genau drei Kilometer sind. Da kommt über einen Festivaltag schon einiges zusammen.
Wacken-Dimensionen sind es allerdings nicht. Dort habe ich an manchen Tagen mehr als 20 Kilometer auf der Uhr.
Aber der Tag ist ja noch jung.
Alien Ant Farm
Und so geht es mittags für mich ins Infield. Bei inzwischen 32°C. In voller Sonne. Und Staub. Aber ich bin vorbereitet.


Als ich an der Impericon Stage ankomme, wird gerade noch aufgebaut. Also stelle ich mich links neben der Bühne in den Schatten.
Hier warten bereits einige Fotografen. Fotografen, die es im Gegensatz zu mir nicht verpasst haben, sich rechtzeitig zu akkreditieren.
Wie gerne hätte ich jetzt auch ein Bändchen in genau dieser Farbe.
Vielen Leuten in Europa dürfte Alien Ant Farm vor allem durch ihr geniales Cover von Michael Jacksons „Smooth Criminal“ bekannt geworden sein. Bei mir war das nicht anders. Aber die Band ist so viel mehr als dieser eine Song.
Was mir an vielen ihrer Songs gefällt, sind die Geschichten dahinter. Es geht um zerbrochene Beziehungen, Selbstzweifel, ums Durchhalten und immer wieder um die Herausforderungen einer Welt, die es aus Sicht des Erzählers nicht unbedingt gut mit ihm meint. Das Ganze kommt dabei oft erstaunlich eingängig daher – selbst wenn der Inhalt eigentlich gar nicht so leicht ist.
Und fast könnte ich meinen, sie hätten bei der Setlist auch ein wenig an mich gedacht: „These Days“, „Movies“ und „Reasons“ sind jedenfalls dabei.
Noch liegt die Bühne gerade so im Schatten, während die Crowd bereits vollständig auf der Sonnenseite steht. Für die Band ist das an diesem Tag sicherlich die angenehmere Rollenverteilung.
Wir feiern trotzdem.
Hitze? Egal.
Zumindest behaupten wir das.
Und die Security hat ohnehin einen Wasserschlauch bereit, mit dem die Menge regelmäßig etwas Kühlung bekommt.
Sogar der eine oder andere Crowd Surfer macht sich auf den Weg nach vorne.
Schließlich sind wir ja auf einem Metal-Festival.
Zurück zum Camp
Danach geht es für mich dann doch wieder zurück ins Camp. Auf dem Weg nehme ich mir etwas Zeit und fange noch ein paar Eindrücke ein.
Es gibt erstaunlich viele Camps mit Fahrzeugen, bei denen ich den Verdacht habe, dass sie einen erheblichen Teil ihres Daseins auf Festivals und Konzerten verbringen. Manche liebevoll ausgebaut, manche zweckmäßig und andere offenbar nach dem Prinzip: Hauptsache, es fährt und irgendwo passt noch Bier rein.
Auch beim Thema Festivalhygiene gehen die Vorstellungen offensichtlich weit auseinander.
Für die einen scheint sie darin zu bestehen, mehrere Tage möglichst konsequent jede verfügbare Duschmöglichkeit zu ignorieren. Andere haben dagegen komplette Schminktische aufgebaut und betreiben einen Aufwand, der den eigenen vier Wänden durchaus Konkurrenz machen könnte.
Bei der aktuellen Staubentwicklung frage ich mich allerdings, wie viel davon beim Schminken gleich mit auf der Haut fixiert wird.
Ein Thema verbindet dagegen fast alle Camps: Bier.
Während wir unsere Vorräte eher diskret in Kühlboxen auf dem Anhänger und im Van lagern, gehen andere deutlich offensiver mit dem Thema um.
Und wie in Wacken ließe sich auch hier der eigene Alkoholspiegel vermutlich erstaunlich preiswert auf einem konstant hohen Niveau halten. Man müsste eigentlich nur von Camp zu Camp ziehen und konsequent an den angebotenen Freizeitaktivitäten teilnehmen.
Bierpong hier. Trichtertrinken dort. Irgendwo findet sich bestimmt noch ein Würfelspiel mit ausgesprochen einfachen Regeln und vorhersehbarem Ausgang.
Wie allerdings Kubb mit Bierdosen und Likörflaschen funktioniert, habe ich nicht herausfinden können. Die von mir befragten Teilnehmer konnten mir auch nicht weiterhelfen.
Sie schienen die Regeln selbst nicht mehr zu kennen.
Vielleicht gehört das aber auch zum Spiel.
Eigene Getränkevorräte wären damit theoretisch überflüssig.
Allerdings müsste man den Rückweg zum eigenen Camp danach vermutlich neu lernen.




Pirate metal drinking crew
We are here to drink your beer – Alestorm is coming up!
Wir haben es geschafft und sind alle zusammen unterwegs.
Also, fast.
Genauer gesagt sind alle unterwegs und ich versuche als Nachzügler, den Rest der Crew auf dem Weg zum Infield noch einzuholen.
Schuld sind wieder die beiden Holländer. Oder besser gesagt ihre Powerstation. Die habe ich – wir erinnern uns? – noch einmal aufgeladen. Dieses Mal allerdings nicht mit dem Moppel, sondern direkt am Van mit meinem Solarsetup.
Sehr leise. Sehr sauber.
Festivalstrom 2.0.
Als ich an der Bühne ankomme, kann ich die anderen allerdings nirgends entdecken. Komisch. Eigentlich müsste ich sie längst eingeholt haben.
Ich teile noch schnell meine Location. Zumindest versuche ich es. Das Mobilfunknetz ist inzwischen so eine Sache. Bei mir scheint alles zu funktionieren, bei den anderen kommen meine Nachrichten allerdings nur noch sporadisch an.
Egal.
Jetzt wird gefeiert.
Alestorm bezeichnen sich selbst als Pirate-Metal-Band. Sie kommen aus Schottland und beschäftigen sich mit Themen, die für ein Metal-Festival von fundamentaler Bedeutung sind.
Bier.
Rum.
Und Gummienten.
Dazu Folk-Metal-Klänge, bei denen es ausgesprochen schwierig ist, einfach nur still herumzustehen.
Songs wie „Drink“, „P.A.R.T.Y.“ oder „Pirate Metal Drinking Crew“ sprechen an diesem Abend jedenfalls direkt aus der Seele des durchschnittlichen Metalheads vor der Bühne.
Und irgendwann ist mein Bier leer.
Das Problem bleibt allerdings nicht lange ungelöst. Meine Nachbarn aus Herford und Bielefeld versorgen mich spontan mit Nachschub. Zwar nur Budweiser von irgendeinem Stand hinter uns, aber in einer solchen Notsituation darf man nicht wählerisch sein.
Die Versorgungslage ist damit wieder gesichert.
Und unsere Party mit Alestorm geht weiter.



Und weiter geht’s
Der mitreißende Auftritt von Alestorm ist Geschichte.
Zurück bleibt Staub.
Viel Staub.
Für einen kurzen Moment könnte man meinen, versehentlich beim Burning Man gelandet zu sein.
Immerhin finde ich jetzt meine Crew wieder. Meine Nachrichten sind tatsächlich angekommen – und ihre Antwort irgendwann auch bei mir.
Damit wäre dieses Problem gelöst.
Und Bier gibt es praktischerweise am Stand direkt nebenan.
Irgendwie wieder Budweiser.
War da beim Reload nicht irgendwo von Beck’s die Rede?
Egal. Lange Zeit, dieser Frage auf den Grund zu gehen, bleibt uns ohnehin nicht.
Airbourne ist die nächste Band auf unserer Liste.

Airbourne
Weiter geht es mit Bier.
Australiens Pub-Rocker Nummer eins sind zu Gast in Sulingen.
Präsentierten Alien Ant Farm heute Mittag noch Rock mit vielen Brüchen, Stilwechseln und fast schon experimentellen Elementen, könnte der Kontrast zu Airbourne kaum größer sein. Hier geht es rotzfrech und geradeaus zur Sache.
Keine Schnörkel. Keine Experimente.
Einfach Rock ’n’ Roll.
Airbourne halten die Tradition des Hardrocks der 70er und 80er hoch. AC/DC ist als Vergleich natürlich kaum zu vermeiden, aber auch die rohe Energie von Motörhead ist nicht weit weg. Damit passen sie heute Abend hervorragend vor Judas Priest, die später noch spielen werden.
Nils und ich befinden uns inzwischen wieder an meiner bevorzugten Position in der Crowd: ziemlich weit vorne und nahe am Moshpit.
Der Rest unserer Crew geht es etwas gemütlicher an und wird vermutlich irgendwo weiter hinten tanzen.
Und irgendwann ist es wieder so weit.
Joel O’Keeffe kommt zu uns.
Getragen und abgesichert von der Security lässt er sich mitten durch die Crowd bis zum Moshpit bringen. Und tatsächlich kommt er direkt an mir vorbei.
Dort angekommen zelebriert er auf seine ganz eigene Art das Öffnen eines Bieres.
Man könnte auch sagen: Er hämmert sich eine Bierdose so lange gegen den Kopf, bis sie platzt.
Anschließend haben nicht nur er, sondern auch einige der Umstehenden etwas davon.
Bier für alle.
Zumindest äußerlich.
Dann spielt er mitten in der Crowd noch ein paar Takte weiter, bevor ihn die Security wieder zurück in Richtung Bühne bringt.
Und ausgerechnet hier habe ich Glück. Obwohl ich ohne Akkreditierung vor der Bühne stehe, gelingt es mir, ein paar dieser Momente einzufangen.
Nicht aus dem Fotograben.
Aber dafür mittendrin.





Einen Wermutstropfen gibt es jetzt leider für mich. Meine Schulter meldet sich wieder.
Judas Priest
Judas Priest bedürfen eigentlich keiner großen Vorstellung.
Rob Halford ist der Metal God. Und ohne Judas Priest würde es ein Festival wie das Reload in seiner heutigen Form wahrscheinlich gar nicht geben.
Dabei waren sie nicht nur musikalisch wegweisend. Auch das Bild, das wir heute ganz selbstverständlich mit Heavy Metal verbinden, haben Judas Priest entscheidend mitgeprägt. Leder, Nieten, Motorradklamotten – jener Look, der Ende der 70er und Anfang der 80er zum optischen Gegenentwurf des klassischen Rockers wurde und bis heute auf jedem Metal-Festival zu finden ist.
Judas Priest waren bereits erfolgreich, bevor ich überhaupt geboren wurde.
Und das dürfte wahrscheinlich für einen ziemlich großen Teil der Menschen hier vor der Bühne gelten.
Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – schaffen sie es auch heute noch problemlos, uns alle hier zu versammeln.
Die Generationen spielen plötzlich keine Rolle mehr. Die einen dürften Judas Priest schon gehört haben, als ihre Platten tatsächlich neu im Laden standen. Andere waren damals noch nicht geboren. Und manche vielleicht nicht einmal deren Eltern.
Jetzt stehen wir alle gemeinsam hier.
The Church of Metal
Bereit, die Messe in der Church of Metal zu zelebrieren.
Mit allem, was dazugehört.
Mit ihrem Set bedienen sich Judas Priest aus der gesamten Bandgeschichte. Und sie starten gleich mit einer Ansage: „Painkiller“.
Ausgerechnet „Painkiller“. Ein Song, bei dem Rob Halford stimmlich nun wirklich keine Gelegenheit bekommt, sich erst einmal gemütlich für den Abend aufzuwärmen.
Und damit ist eigentlich schon nach wenigen Minuten geklärt, was ich später während des Auftritts immer wieder feststellen werde: Natürlich merkt man Judas Priest ihr Alter an. Aber Halfords Stimme ist immer noch da.
Im weiteren Verlauf stehen neuere Veröffentlichungen neben den ganz großen Klassikern der 80er und 90er. „Living After Midnight“ und „Breaking the Law“ dürfen natürlich nicht fehlen.
Die Gemeinde kennt ihre Texte.
Gegen Ende der Show folgt dann noch ein Auftritt, der wahrscheinlich in keinem ordentlichen Judas-Priest-Gottesdienst fehlen darf.
Motorengeräusch.
Rob Halford fährt auf einem Chopper auf die Bühne.
Dort bleibt er zunächst sitzen und performt „Electric Eye“ vom Sitz der Maschine aus. Mehr Heavy-Metal-Klischee geht eigentlich kaum.
Allerdings darf Judas Priest dieses Klischee bedienen.
Sie haben schließlich selbst daran mitgeschrieben.
Aged but not old
Und natürlich merkt man der Band inzwischen ihr Alter an. Das lässt sich nicht verstecken und muss es wahrscheinlich auch gar nicht. Die Bewegungen auf der Bühne haben nicht mehr die Energie einer jungen Metal-Band. Wie das im Vergleich zu früheren Auftritten aussieht, kann ich ohnehin nicht beurteilen – ich sehe Judas Priest heute zum ersten Mal live.
Aber dann ist da Rob Halfords Stimme.
Und die ist immer noch genial.
Wenn der inzwischen über 70-jährige Metal God die hohen Töne herausschreit, wird ziemlich schnell klar, warum hier niemand eine wilde Choreografie braucht.
Judas Priest müssen niemandem mehr beweisen, dass sie Heavy Metal können.
Wir sind schließlich gerade in ihrer Kirche.
