Reload 2026: Samstag

Es ist immer noch Reload, es ist Samstag.

Kurze Nacht, langer Tag

Nach Judas Priest sitzen wir noch lange gemeinsam im Camp. Die Nacht ist warm, kühles Bier ist noch in der Box und unsere speziellen Nachbarn sind ebenfalls noch aktiv.

Sie erfreuen die umliegenden Camps mit einem ganz besonderen Konzert.

Ihren speziellen Musikgeschmack hatten wir ja bereits kennengelernt. Dass es da noch eine Steigerungsmöglichkeit gibt, hatten wir allerdings nicht erwartet.

Aber wir werden überrascht.

Denn bekanntlich kann man Musik nicht nur hören. Man kann sie auch live mit einem Instrument begleiten.

Zum Beispiel mit einer C-Flöte.

Wenn man allerdings nicht imstande ist, diese zu spielen, entwickelt das Ganze einen ganz eigenen musikalischen Charakter. Dagegen klingt selbst ein Werk von Karlheinz Stockhausen für unbedarfte Ohren geradezu harmonisch.

Und wenn man da eine C-Flöte ist, hat bestimmt noch jemand anderes eine zweite. Und kann ebenfalls nicht spielen.

Das Ergebnis ist bemerkenswert.

Irgendwann liegen dann aber auch wir im Bett.

Und unsere Nachbarn ebenfalls.

Ein paar Stunden Schlaf.

Ein neuer Tag

Die Sonne geht auf. Ein neuer Festivaltag beginnt.

Kaffee.

Das Prozedere kennen wir inzwischen.

Neu ist allerdings die Wettervorhersage. Nach Hitze und Staub sollen heute Regen und Gewitter kommen. Abwechslung muss schließlich sein.

Und meine Schulter nervt inzwischen. Auf der rechten Seite zu schlafen ist unangenehm. Vielleicht sollte ich langsam tatsächlich auf die Idee kommen, sie ein wenig zu schonen.

Auch organisatorisch verändert sich etwas: Team Hamburg/Kiel aus unserer Crew will bereits in der kommenden Nacht abreisen. Also beginnen wir schon einmal damit, ein paar Sachen zusammenzupacken.

Das Festival nähert sich langsam seinem letzten Tag.

Luna Kills

Mittags spielen Luna Kills.

Eine junge Band aus Finnland, die ich bisher überhaupt nicht kenne. Aber irgendwo lese ich als Referenzen Spiritbox, Jinjer und Northlane.

Das reicht, um mich neugierig zu machen.

Also mache ich mich auf den Weg ins Infield. Vor der Bühne bin ich wieder einmal überrascht, wie viele Leute sich hier bereits versammelt haben.

Ok, ein Teil davon dürfte gerade von From Fall to Spring herübergekommen sein. Die wiederum habe ich wegen unserer Abbauaktion im Camp verpasst. FF2S bedienen aber eine ähnliche Fanbase.

Gut für Luna Kills.

Und gut für mich.

Denn was die vier Finnen auf der Bühne veranstalten, gefällt mir ziemlich schnell.

Luna Kills mischen Elemente aus verschiedenen Metal-Genres, aber dabei bleibt es nicht. Besonders auffällig ist Lotta Ruutiainen, die zwischen melodischem Gesang und kraftvollen Screams wechselt.

Und dann sind da diese Refrains.

Catchy, teilweise sofort mitsingbar – und im nächsten Moment gibt es wieder ordentlich auf die Ohren. Bei „Leech“ trifft ein eingängiger Refrain auf gescreamte Strophen. „Lower“ dreht das Prinzip teilweise um und lässt es im Refrain krachen. Und bei „Slay Your Enemies“ kommen auch noch deutliche Electro-Pop-Elemente dazu.

Das klingt nach einer Mischung, die auf dem Papier vielleicht etwas zusammengewürfelt wirken könnte.

Tut sie aber nicht.

Live funktioniert das für mich hervorragend.

Ich finde Luna Kills großartig.

Damit steht die nächste Band fest, die nach dem Reload regelmäßig in meinem Deezer-Stream auftauchen wird.

Und nachdem ich mich nach dem Festival noch etwas intensiver durch ihre Musik gehört habe, steht für mich auch ein Favorit fest:

DEATHMATCH.

Wieder zum Camp

Auf dem Rückweg zum Camp gibt es den ganz eigenen Festival-Campground-Humor zu erleben.

Aber auch der einsetzende Regen verspricht ein paar Lichtblicke auf den Lack der verstaubten Fahrzeuge an den Rettungswegen.

The Ghost Inside

Es ist später Nachmittag und ich bin wieder im Infield.

Ein kleines Gewitter ist inzwischen Geschichte. Der Regen hat zumindest einen Teil des Staubs gebunden und bei den Temperaturen könnte man im Vergleich zu gestern fast schon anfangen zu frösteln.

The Ghost Inside sind da, um das zu ändern und uns die Schweißperlen zurück auf die Haut zu treiben.

Mit Modern Melodic Hardcore.

Was mir an The Ghost Inside gefällt, sind auch die Themen ihrer Songs. Es geht immer wieder ums Durchhalten, um Hoffnung, um den Kampf mit Rückschlägen und darum, Geschehenes zu verarbeiten und irgendwie hinter sich zu lassen.

Die Zäsur

2015 bekam all das für die Band eine sehr reale Bedeutung.

Während einer Tour kollidierte ihr Tourbus frontal mit einem LKW. Beide Fahrer kamen bei dem Unfall ums Leben, mehrere Bandmitglieder wurden schwer verletzt. Drummer Andrew Tkaczyk verlor dabei ein Bein, Sänger Jonathan Vigil erlitt unter anderem einen Wirbelbruch.

Plötzlich ging es nicht mehr nur in Songs darum, nach einem Rückschlag wieder aufzustehen.

Für die Band begann ein langer Weg zurück. Zurück ins Leben, zurück zur Musik und irgendwann tatsächlich zurück auf die Bühne.

Jonathan Vigil scheint es allerdings wichtig zu sein, den heutigen Auftritt nicht zu sehr von diesem einen Ereignis bestimmen zu lassen. Er erzählt uns nur kurz, wie glücklich er ist, mit seiner Band hier auf der Bühne stehen zu können – und dass auch Andrew Tkaczyk wieder hinter seinem Schlagzeug sitzt.

Mit einem Bein.

Die grundlegenden Themen ihrer Songs haben sich seitdem gar nicht so sehr verändert. Aber wenn man die Geschichte der Band kennt, hört man manches zwangsläufig ein wenig anders.

Und wir feiern alle zusammen

Wir in der Crowd stehen jedenfalls komplett hinter der Band und feiern sie.

Und offenbar wollen heute besonders viele Menschen The Ghost Inside nicht nur sehen, sondern ihnen gleich persönlich etwas näher kommen.

Gefühlt ist es der Auftritt mit den meisten Crowd Surfern des gesamten Festivals.

Normalerweise wäre ich jetzt mittendrin und würde beim Weitertransport helfen. Meine Schulter hat zu diesem Thema inzwischen allerdings eine ziemlich eindeutige Meinung.

Also halte ich mich zurück und mache stattdessen das eine oder andere Foto mit dem Smartphone.

Man muss schließlich auch mal vernünftig sein.

Aber solange man noch tanzen kann …

… geht natürlich noch eine Runde im Circle Pit.

Kittie

Bis Avatar auftreten, ist noch ein wenig Zeit. Eine Pause brauche ich noch nicht und auf der kleineren Bühne spielen gerade Kittie.

Zeit, sie kennenzulernen.

Die Reload-App verrät mir, dass Kittie aus der Nu-Metal-Bewegung Ende der 90er hervorgegangen sind. In der damals doch ziemlich männlich dominierten Szene gehörten sie zu den wenigen Bands, die ausschließlich aus Frauen bestanden.

Beim Nu Metal ist es allerdings nicht geblieben. Im Laufe der Jahre kamen immer mehr Einflüsse aus Groove-, Death- und Thrash-Metal hinzu.

Nach einer langen Schaffenspause meldeten sie sich schließlich mit „Eyes Wide Open“ und dem Album Fire zurück. Darauf verbinden sie vieles von dem, was ihren Sound über die Jahre ausgemacht hat, zu einem ziemlich starken und modernisierten Mix.

Und vor der Bühne?

Beim Blick um mich herum fällt mir zunächst auf, wie viele Frauen hier stehen. Kittie haben offensichtlich eine ziemlich große weibliche Fanbase.

Und natürlich wird auch der Bandname aufgegriffen.

Ist „Kittie“ eher ironisch zu verstehen, haben sich einige vor der Bühne tatsächlich als Kätzchen herausgeputzt. Katzenohren sind da noch die zurückhaltende Variante.

Irgendwann schwebt sogar ein Kätzchen über unseren Köpfen in Richtung Bühne.

Ein Crowd Surfer – oder eine Crowd Surferin? – im kompletten Katzenkostüm.

Kann man machen.

Die Band ist jedenfalls sichtlich begeistert von dem, was sich vor ihrer Bühne abspielt.

Und wir sind es von ihnen.

Avatar – Willkommen in der Freakshow

Waren wir gestern noch in der Kirche, sind wir heute im Zirkus.

Oder genauer gesagt: in der Freakshow.

Johannes Eckerström zelebriert sie gemeinsam mit seiner Band Avatar für uns – und mit uns.

Die Band wurde in Mölndal gegründet, einem Vorort von Göteborg. Mölndal kenne ich tatsächlich ziemlich gut. Dort gibt es einen Shurgard mit Lagerboxen, bei dem ich für meine winterlichen Skandinavienreisen schon mehrmals meine normalen Reifen eingelagert habe.

Dass Mölndal auch die Heimat von Avatar ist?

Keine Ahnung.

Das weiß ich erst jetzt.

Die Show

Die komplette Show von Avatar ist bis ins Detail durchchoreografiert. Bewegungen, Gesten, Licht, Musik – alles gehört zur Inszenierung dieser etwas bizarren Freakshow.

Und mittendrin Johannes Eckerström.

Trotz der ganzen Choreografie nimmt er sich immer wieder die Freiheit, aus seiner Rolle heraus direkt und spontan mit uns vor der Bühne zu interagieren.

Und dann fällt noch etwas auf:

Er spricht Deutsch.

Nicht ein paar einstudierte Sätze für das deutsche Festivalpublikum, sondern richtig gut.

Meine Schwedischkenntnisse sind jedenfalls noch ein wenig ausbaufähig, bevor ich mich mit ihm auf vergleichbarem Niveau in seiner Sprache unterhalten könnte.

Die Musik

Musikalisch führt uns die Freakshow von Black Waltz über Hail the Apocalypse und Feathers & Flesh bis zum aktuellen Don’t Go in the Forest. Der Schwerpunkt liegt dabei klar auf dem neuen Album.

Aber eigentlich ist es bei Avatar fast schwierig, Musik und Show voneinander zu trennen. Das hier ist nicht einfach eine Band, die ihre Songs auf einer Bühne spielt.

Es ist Theater.

Es ist Metal.

… ein ziemlich schräger Zirkus.

Und am Ende sind auch diejenigen von uns überzeugt, die Avatar vorher noch nicht kannten.

Wir sind jetzt alle Teil der Freakshow.

Zwischendurch regnet es immer wieder. Mal ein bisschen, mal ordentlich. Dazu wird es zeitweise ziemlich windig.

Mein Einwegponcho klebt inzwischen an der Haut und mein T-Shirt ist trotzdem komplett durchnässt.

Und es ist kalt geworden.

Keine 20 °C mehr.

Gestern haben wir noch bei mehr als 35 °C in der Sonne gebraten. Heute stehe ich nass im Wind und friere.

Festivalwetter kann offensichtlich auch Abwechslung.

Aber irgendwann hilft alles nichts mehr. Ich muss zurück zum Van, raus aus den nassen Sachen und irgendetwas Trockenes und vor allem Wärmeres anziehen.

Godsmack

Und so verpasse ich natürlich den Anfang des Sets von Godsmack.

Und nicht nur das.

Meine Schulter mag inzwischen nicht mehr so richtig. Am Van hatte ich schon Probleme, überhaupt meinen Hoodie über den Kopf zu bekommen.

Aber jetzt wird noch einmal gefeiert.

Im Schongang natürlich.

Also stehe ich dieses Mal etwas weiter hinten, genieße einfach den Auftritt und schaffe es tatsächlich, meine Schulter für eine Weile zu vergessen.

Und das Timing passt. Meine Lieblingssongs haben sich Godsmack für den Schluss aufgehoben: „I Stand Alone“, „Whatever“ und „Bulletproof“.

Perfekt unter diesen Umständen.

Eigentlich stehen für mich heute noch Amorphis und In Flames auf dem Programm. Aber inzwischen macht meine Schulter endgültig nicht mehr mit. Und ein paar Stunden erholsamer Schlaf wären ebenfalls keine schlechte Idee, wenn ich am Sonntag noch sicher nach Hause fahren möchte.

Also fällt schweren Herzens die Entscheidung:

Das war mein Reload 2026.

Ich gehe zurück zum Van.

Eine Frage ist allerdings noch offen. Sollten unsere speziellen Nachbarn auch diese Nacht bleiben und bereits Vorbereitungen für das nächste avantgardistische Nachtkonzert treffen, werde ich direkt abreisen und die Nacht wieder am Badesee bei Petershagen verbringen.

Sind sie weg, bleibe ich in Sulingen.

Auf dem Rückweg lasse ich mir trotzdem Zeit. Das Kettenkarussell, das Gate zum Infield und der singende Leo sind im Dunkeln einfach zu schön beleuchtet, um nicht noch ein paar Aufnahmen mitzunehmen.

Auch an den Sammelstellen für Dosen- und Plastikflaschenpfand komme ich vorbei. Wie wir haben offenbar sehr viele Besucher ihr Pfand gespendet.

Mehr, als die dafür vorgesehenen Container überhaupt noch aufnehmen können.

Für die Spendenempfänger dürfte da einiges zusammengekommen sein.

Und während hinter mir das Festival noch lange nicht vorbei ist, geht es für mich zurück zum Camp.

Sonntag

Stille.

Es ist ruhig. Kein Ton. Nichts.

Diese Stille ist nach den letzten Tagen fast schon ungewohnt.

Die Sonne versteckt sich noch hinter den Wolken. Vielleicht wird das heute auch so bleiben.

Gestern Abend bin ich tatsächlich noch zu „meinem“ Badesee gefahren. Jetzt sitze ich hier mit meinem Kaffee in der Hand und habe nicht einmal richtig Lust auf Frühstück.

Ibuprofen sei Dank bin ich zumindest fit genug für die Fahrt nach Hause.

Und während ich hier so sitze, bin ich mir bei einer Sache ziemlich sicher:

Das Reload sieht mich wieder.

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