Tag 1 ist bei meinen Reisen traditionell ein klassischer Anreisetag. Wobei „Anreise“ in diesem Fall ein recht großzügiger Begriff ist. Bis ich tatsächlich in meiner Zielregion ankomme, können durchaus vier bis fünf Tage vergehen.
Aber genau das gehört ja zum Konzept eines Roadtrips. Der Urlaub beginnt nicht erst irgendwo im Norden, sondern streng genommen bereits in dem Moment, in dem der Van die Hofeinfahrt verlässt und sich langsam Richtung Skandinavien orientiert.
Ab diesem Punkt verwandeln sich der nächste Parkplatz, der kleine Waldweg oder das abgelegene Seeufer plötzlich in potenzielle Übernachtungsplätze, Tankstellen in logistische Außenposten und jede Strecke auf der Karte in einen kleinen Teil des Abenteuers.
Oder anders gesagt:
Der Norden liegt zwar noch ein paar tausend Kilometer entfernt – aber der Roadtrip hat längst begonnen.
Bonn bis Hüttener Berge.
Es ist Samstag, bereits später Nachmittag. Und tatsächlich habe ich es sogar noch geschafft, eine Runde laufen zu gehen, bevor die Reise beginnt. Man weiß ja nie, wann sich die nächste Gelegenheit ergibt, sich freiwillig draußen sportlich zu bewegen, bevor der Norden wieder Temperaturen liefert, bei denen Bewegung eher eine Überlebensstrategie als ein Hobby ist.
Inzwischen ist alles im Fahrzeug verstaut. Das Essen sollte für die nächsten Tage reichen, und am Montag werde ich dann in Schweden einkaufen. Das ist zwar in der Regel nicht unbedingt günstiger, aber ich liebe es, unterwegs lokale Dinge zu kaufen, die es zuhause nicht gibt. Irgendwie fühlt man sich dadurch sofort ein bisschen mehr mit dem Land verbunden, durch das man gerade reist.
Der Wassertank ist gefüllt, und neben normaler Kleidung haben auch sämtliche Wintersachen ihren Platz im Van gefunden. Denn dieser skandinavische Winter scheint seinen Enthusiasmus gerade erst voll zu entfalten.
Ein kleines Bauprojekt gab es kurz vor der Abfahrt ebenfalls noch:
Die neue Heizung hat inzwischen eine Verkleidung bekommen. Zugegeben – immer noch eher provisorisch. Aber zumindest nicht mehr ganz so spartanisch wie vorher.
Funktional improvisiert – oder mit anderen Worten: Vanlife-Ingenieurskunst kurz vor der Abfahrt.
Sankt Augustin
Bevor es endgültig losgehen kann, steht noch ein obligatorischer Programmpunkt auf der Liste: Diesel und AdBlue tanken. Ohne diese beiden Flüssigkeiten wird aus dem Roadtrip sonst sehr schnell ein äußerst stationäres Erlebnis.
Der Dieseltank ist schnell gefüllt, und auch beim AdBlue nutze ich noch einmal die Gelegenheit, die deutsche Preislandschaft auszunutzen. Hier kostet der Liter aktuell etwa 1 €/l, während er in Schweden eher bei 1,4 €/l liegt. Der Unterschied ist nicht riesig groß, aber bei meiner Tankmenge etwa ein bis zwei Kanelbullar.
Der Plan lautet also: jetzt vollmachen und dann erst wieder einmal in Schweden nachfüllen, bevor ich später wieder in die preislich freundlicheren Gefilde deutscher Tankstellen zurückkehre.
Es sind diese kleinen logistischen Optimierungen, bei denen man sich kurz wie ein sehr effizienter Expeditionsplaner fühlt – auch wenn es am Ende im Kern nur darum geht, Harnstofflösung möglichst günstig durch Europa zu transportieren.

Münster
Die Fahrt an diesem Samstagnachmittag ist überraschend angenehm. Nur wenige LKW sind unterwegs, und insgesamt hält sich der Verkehr sehr zurück – fast so, als hätte die Autobahn beschlossen, mir einen besonders entspannten Start in den Roadtrip zu gönnen.
Während ich also dahinrolle, erinnere ich mich an ein Detail aus der letzten Bastelaktion am Van:
Ich hatte ja die Motorvorwärmung ausgebaut. Dabei habe ich die entsprechenden Schläuche entfernt und die Anschlüsse gewissermaßen kurzgeschlossen. Bei solchen Aktionen verschwindet erfahrungsgemäß immer eine kleine Menge Kühlwasser – irgendwo zwischen „ein bisschen“ und „mehr als man eigentlich wollte“.
Normalerweise würde man danach den Motor kurz laufen lassen, damit sich alles wieder sauber verteilt und man den Kühlmittelstand korrekt prüfen kann.
Das habe ich natürlich nicht getan.
Jetzt zeigt der Blick auf den Ausgleichsbehälter: Kühlmittelstand etwas zu niedrig.
Also beschließe ich, Kühlflüssigkeit nachzufüllen. Ein einfaches Vorhaben – sollte man meinen.
Die richtige Kühlflüssigkeit für einen Ford-Dieselmotor scheint allerdings eine Ware zu sein, die an Samstagnachmittagen ausschließlich in Geschäften erhältlich ist, die erst Montagmorgen wieder öffnen.
Meine Hoffnung ruht daher auf einem Bauhaus in Münster. Laut Webseite führen sie tatsächlich Kühlmittel mit der passenden Spezifikation. Perfekt.
Die Realität vor Ort ist allerdings… übersichtlich.
Kein Kühlmittel. Gar keins.
Das Personal ist zwar ausgesprochen freundlich und bemüht, aber leider ebenso ratlos wie ich.
Hilfsbereit, aber – sagen wir – nicht entscheidend hilfreich.
Der Roadtrip beginnt also ganz klassisch:
mit einer kleinen technischen Herausforderung und der Erkenntnis, dass Webseiten und echte Baumarktregale manchmal leicht unterschiedliche Realitäten darstellen.

Bockel/Gymhum
Diesel ist der bevorzugte Kraftstoff meines Vans.
Sein Fahrer hingegen läuft deutlich besser auf Wasser, Tee und Kaffee. Und wenn man Letzteren nicht selbst im Fahrzeug produzieren möchte, hilft normalerweise ein McCafé.
An diesem Autohof gibt es tatsächlich eines, und hier hole ich mir gelegentlich einen Kaffee, wenn ich gerade vorbeikomme und keine Lust habe, im Van selbst Espresso oder Mokka zu kochen.
Als schließlich das Schild zum Autohof auftaucht, steigt die Vorfreude spürbar. Nicht nur wegen des Kaffees – Bremen liegt inzwischen hinter mir und Hamburg ist fast erreicht. Der Roadtrip fühlt sich also langsam nach „unterwegs sein“ an.
Die Ernüchterung folgt allerdings schon bei der Einfahrt auf den Parkplatz.
Geöffnet ist nur der Drive-Thru. Der Laden selbst wird gerade umgebaut.
Das bedeutet: kein Kaffee für mich.
Denn mein Fahrzeug ist – sagen wir – leicht zu hoch für das Dach am Abholschalter.
Wenn man also schon einmal hier ist, kann man wenigstens noch etwas anderes Sinnvolles tun: Dieselpreise prüfen. Meine Tank-App zeigt sofort, dass eine Jet-Tankstelle fast gegenüber deutlich günstiger ist als alles, was nördlich von Hamburg so auf der Karte auftaucht. Also wird der Tank hier gleich noch einmal gefüllt.
Bezahlen kann ich mit der App allerdings nicht direkt an der Säule, also muss ich in den Shop hinein.
Und dort wartet eine kleine Überraschung:
Sie haben tatsächlich Kühlflüssigkeit im Regal – fast genau die Sorte, die ich in Münster so vergeblich gesucht hatte.
Also nehme ich sie vorsichtshalber mit.
Ganz perfekt ist sie allerdings nicht:
Die Spezifikation passt zwar zu meinem Fahrzeug, aber der Frostschutz reicht nur bis –24 °C. Eigentlich brauche ich so –38 °C.
Und daher lautet der Plan: Die Kühlflüssigkeit erst einmal mitnehmen und in Schweden bei Biltema nach der richtigen Mischung schauen, bevor ich das System endgültig auffülle.
Roadtrip-Logik eben:
Man nimmt mit, was man bekommt – und optimiert später irgendwo, idealerweise vor der Überquerung des Polarkreises.

Hüttener Berge
Schließlich erreiche ich mein Tagesziel – wenn auch nicht ganz ohne eine kleine, ungeplante Suchmission.
In den vergangenen Tagen hat es hier im Norden ordentlich geschneit. Für die letzten Jahre fast schon ungewöhnlich. Einige Presseportale sprachen direkt von einem „Schneechaos“ – was vermutlich bedeutet, dass irgendwo mehr als drei Schneeflocken gleichzeitig gefallen sind.
Fakt ist: Es liegt noch Schnee. Und da die Temperaturen weiterhin unter dem Gefrierpunkt bleiben, hat er auch nicht vor, in absehbarer Zeit zu verschwinden.
Mein erster Plan war ein Parkplatz nahe der Autobahn mit guten Bewertungen bei Park4Night (P4N). Klingt solide, dachte ich.
Vor Ort stellt sich dann heraus: Geräumt wurde hier eher symbolisch. Der einzige halbwegs nutzbare Bereich ist zudem von einem LKW-Auflieger blockiert.
Mit Allrad hätte ich mich vermutlich noch irgendwo daneben manövrieren können – allerdings mit einer gewissen Neigung, die eher an einen missglückten Schiffsdockversuch erinnert hätte.
Also weiter.
Der nächste hochgelobte Parkplatz begrüßt mich mit einem „Zufahrt verboten“-Schild. Dahinter: natürlich ebenfalls nicht geräumt. Immerhin konsequent und nicht überraschend.
Also erneut: P4N konsultieren, Optionen neu bewerten, Hoffnung justieren.
Schließlich finde ich einen Wanderparkplatz, etwa 20 km entfernt.
Und siehe da: nicht geräumt, aber erreichbar und erstaunlich einladend.
Damit steht fest:
Manchmal liegt das perfekte Tagesziel nicht dort, wo es am besten bewertet ist – sondern einfach 20 Kilometer weiter und ein paar App-Konsulationen später.
