Orbis Balticus – Tag 13

Fast in Russland

Abends haben wir dann doch noch Nachbarn bekommen.

Sie haben ihren Van direkt gegenüber von uns abgestellt. Vielleicht nicht die perfekte Position, falls später noch Locals zum Baden gekommen wären.

Aber es kam niemand mehr.

Und auch von unseren Nachbarn haben wir kaum etwas gehört.

So verbringen wir wieder eine wunderbar ruhige Nacht.

Am Morgen fliege ich erst einmal ein wenig mit der Drohne.

Die russische Grenze ist inzwischen zwar nicht mehr besonders weit entfernt, aber noch weit genug, dass das Fliegen hier erlaubt ist.

Natürlich habe ich die aktuellen Flugbeschränkungen vorher noch einmal kontrolliert. Das gehört ohnehin vor jedem Flug dazu. Schließlich können auch kurzfristig temporäre Beschränkungen eingerichtet werden – und gerade so nah an der russischen Grenze sollte man sich besser nicht darauf verlassen, dass gestern erlaubt auch heute noch erlaubt bedeutet.

Das Thema Drohnen ist zu diesem Zeitpunkt allerdings gerade ziemlich präsent. In den vergangenen Tagen gab es vor allem im Baltikum wiederholt Zwischenfälle mit Drohnen aus Richtung Russland. Auch in der finnischen Presse wird entsprechend intensiv über die Situation und die Sicherheit an der langen gemeinsamen Grenze berichtet.

Ein wenig merkwürdig fühlt es sich deshalb schon an, ausgerechnet hier die Drohne auszupacken.

Aber alles legal.

Also fliege ich.

Danach setzen wir den Morgen mit einer guten Tasse Kaffee und einem Bad im See fort.

Der Platz hier ist einfach wunderbar still.

Eigentlich würden wir gerne noch eine weitere Nacht bleiben.

Aber inzwischen gibt es so etwas wie einen groben Plan für die Rückreise.

Zumindest mehrere Varianten davon.

Und ganz gleich, für welche wir uns später entscheiden:

Von hier aus müssen wir jetzt erst einmal nach Süden.

Uimaranta

Grenzübergang Niirala

Wir sind am Grenzübergang Niirala.

Früher konnte man hier einfach weiter nach Russland fahren. Heute ist der Grenzübergang schon seit einiger Zeit geschlossen.

Und das sieht man.

Alles wirkt ziemlich verlassen und einsam.

Dann tauchen zwei Beamte der finnischen Grenzwache auf und kontrollieren unsere Ausweise.

Alles in Ordnung.

Und irgendwie kommen wir danach ins Gespräch.

Wir erzählen von unserer Reise, wo wir herkommen, wo wir schon waren und wohin es wahrscheinlich als Nächstes gehen wird.

Die beiden erzählen uns dafür, wie sich das Leben hier seit der Schließung der Grenze verändert hat.

Und das offenbar ziemlich deutlich.

Der früher alltägliche Verkehr über die Grenze fehlt. Damit fehlen Besucher, Kunden und wirtschaftliche Aktivität. Die Region leidet unter der Situation und viele Menschen zieht es inzwischen weiter nach Westen oder Süden.

Ich erzähle, dass ich schon als Kind einmal hier in der Gegend war.

Und von den Geschichten, die uns damals die finnischen Freunde meines Onkels erzählt haben.

Geschichten vom Schwarzbrennen.

Und von Verfolgungsjagden mit der Polizei im Winter über die zugefrorenen Seen.

Die beiden müssen lachen.

Denn solche Geschichten kennen sie ebenfalls aus ihrer Kindheit.

Auch Schmuggel über die finnisch-russische Grenze war damals offenbar nichts völlig Ungewöhnliches.

Aus einer kurzen Ausweiskontrolle wird so ein ziemlich interessantes Gespräch über das Leben an der Grenze – früher und heute.

Irgendwann stellen wir fest, dass wir schon weit über eine halbe Stunde dort stehen und uns unterhalten.

Und langsam bekommen wir den Eindruck, dass die beiden heute vielleicht auch einfach nicht besonders viel zu tun haben.

Nightwish Experience

Auch in Kitee war ich schon einmal als Kind.

Und irgendwie schließt sich hier ein kleiner Kreis zu unserem Gespräch mit den Grenzern in Niirala.

Olli, bei dem wir damals zum Essen waren, war nämlich ausgesprochen stolz auf seinen selbstgebrannten Schnaps.

Schwarzgebrannt natürlich. (Schwarzgebrannter Schnaps – auf Finnisch Pontikka)

Legal wäre das Zeug schließlich viel zu teuer gewesen.

Und Olli war damit keineswegs allein. Von Selbstgebranntem und den dazugehörigen Geschichten hörten wir damals bei mehreren Leuten in der Gegend.

Aber vor allem Olli ist mir in Erinnerung geblieben.

Wahrscheinlich, weil er zu seinem Schnaps auch immer die besten Geschichten hatte.

Kitee hat allerdings noch einen anderen Export hervorgebracht. Einen, der international zu etwas mehr Ruhm gelangt ist als der lokale Schwarzbrand:

Nightwish.

Die Band wurde Mitte der 1990er-Jahre hier in Kitee gegründet. Und natürlich braucht eine derart erfolgreiche Band aus einer kleinen finnischen Stadt einen eigenen Tempel.

Die Nightwish Experience.

Wobei der inzwischen etwas kleiner geworden ist. Die Ausstellung ist aus ihrer ursprünglichen Location in kleinere Räumlichkeiten umgezogen. Die interaktiven Exponate, die es dort wohl einmal gab, sind leider nicht mitgekommen.

Trotzdem lohnt sich der Besuch.

Es gibt einiges aus der Geschichte von Nightwish zu entdecken – und darüber hinaus noch allerlei andere Dinge, die mehr oder weniger mit der Region zu tun haben.

Zum Beispiel eine ziemlich umfangreiche Sammlung von Mumin-Tassen.

Finnland eben.

Und eine Sammlung alter Konzertposter von Bands, die im Großraum Joensuu gespielt haben.

So verbringen wir hier dann doch deutlich mehr Zeit, als wir zunächst erwartet hatten.

S-Market

Eigentlich hatten wir K-Market inzwischen zu unserer bevorzugten finnischen Supermarktkette erkoren.

Aber am K-Market in Kitee können wir nicht vernünftig parken.

Dafür ist selbst unser kleiner Van schon zu groß.

Also wird es heute der S-Market.

Und der ist überraschend groß und ziemlich gut sortiert.

Dabei entdecken wir etwas, das uns kurz irritiert.

Alkoholfreies Bier.

Im Supermarkt.

Nicht nur eines. Gleich mehrere Sorten von verschiedenen finnischen Brauereien.

Moment mal.

Hatte man uns in Kuopio nicht erklärt, alkoholfreies Bier gäbe es nur im Alko?

Offenbar nicht.

Finnland war also gar nicht komisch.

Nur dieser eine K-Citymarket in Kuopio.

Wieder etwas gelernt.

Natürlich wandern auch ein paar Karjalanpiirakat in den Einkaufswagen. Dieses Mal allerdings nicht mit Reisbrei, sondern mit Kartoffeln gefüllt.

Und dann brauchen wir noch etwas anderes.

Wir sind mitten in der Heidelbeersaison. Einige Heidelbeeren haben wir inzwischen selbst gesammelt und natürlich auch gegessen.

Nur ist das Pflücken von Hand ziemlich zeitaufwendig.

Aus Schweden wissen wir, dass es dafür eine Lösung gibt: diese kleinen Beerenpflücker, mit denen man die Beeren einfach von den Sträuchern kämmt.

Und der S-Market hat sie.

Jetzt müssen wir uns nur noch für eine Farbe entscheiden.

Natürlich wird es blau.

Wir sind schließlich in Finnland.

Das ABC des Tankens

In Kuopio hatten wir noch für 2,07 Euro pro Liter Diesel getankt.

Damals fanden wir das teuer.

In den letzten Tagen haben die Preise allerdings deutlich angezogen. Bis zu 2,45 Euro pro Liter haben wir unterwegs gesehen.

Und so freuen wir uns heute tatsächlich, unseren Tank zum absoluten Schnäppchenpreis von nur 2,31 Euro pro Liter füllen zu dürfen.

Man wird bescheiden.

Sehr bescheiden.

Platz an der Scenic Road

Einen Teil des späten Nachmittags verbringen wir mal wieder mit der Suche nach einem Platz für die Nacht.

In der Nähe von Saari schauen wir uns zunächst einen Badplats an. Dort ist allerdings ziemlich viel los. Also geht nur Dani kurz baden und wir beschließen, nicht hierzubleiben.

Also ziehen wir weiter.

Etwas nördwestlich gibt es eine Location, die für morgen auf unserem Plan steht.

Ja. Wir haben tatsächlich mal etwas konkret geplant.

Auf dem Weg dorthin fahren wir über ein wunderschönes Stück Straße in Richtung Savonlinna.

Und tatsächlich gelingt es uns, direkt an dieser Strecke einen relativ ruhigen Platz für die Nacht zu finden.

Der Sonnenuntergang ist genial und passt sehr gut zu den Farben der Karhu-Bierdosen.

Und kurz in den See springen geht ebenfalls.

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