Orbis Balticus – Tag 14

Die Straße ist nicht weit entfernt.

Und auch direkt an unserem kleinen Platz führt ein ungeteerter Weg vorbei.

Trotzdem haben wir geschlafen, als hätten wir irgendwo mitten im Wald gestanden.

Ruhig. Sehr ruhig.

Während der Kaffee noch auf sich warten lässt, muss ich allerdings erst einmal die Drohne steigen lassen.

Das Licht ist gerade einfach zu schön, um es nicht auszunutzen.

Und von oben zeigt sich noch viel besser, was diese Gegend so besonders macht: Seen, Inseln und immer wieder diese schmalen Landverbindungen, über die sich die Straßen durch die Landschaft schlängeln.

Finnland wie aus dem Bilderbuch.

Für unsere Verhältnisse lassen wir uns heute Morgen trotzdem nicht allzu viel Zeit.

Wir haben schließlich noch zwei Dinge vor.

Etwas besichtigen.

Und Strecke machen.

Savonlinna

Und so fahren wir durch diese Traumlandschaft weiter nach Savonlinna.

Savonlinna ist noch gar nicht so lange eine Stadt. Entstanden ist der Ort im Umfeld der Burg, die hier zur Sicherung der damaligen Grenze und der schwedischen Interessen im Osten errichtet wurde.

Immer mehr Händler und Handwerker siedelten sich rund um die Burg an und schließlich entstand daraus die Stadt.

Heute ist Savonlinna vor allem ein Zentrum für den Tourismus in der umliegenden Seenlandschaft.

Und das merkt man.

Auf dem Wohnmobilstellplatz haben wir jedenfalls keine Chance, einen Platz zu bekommen.

Zum Glück passt unser Van mit seinen sechs Metern auch auf einen normalen Bezahlparkplatz in der Nähe von Bahnhof und Markt.

Eigentlich sogar perfekt.

Denn so besichtigen wir nicht nur die Burg, sondern bekommen auf dem Weg dorthin gleich noch einen Rundgang durch einen Teil der Stadt und des Hafens dazu.

Auf dem Markt gibt es viele frische Sachen, aber natürlich auch einiges speziell für die Sommertouristen.

Irgendetwas werden wir hier auf dem Rückweg bestimmt noch einkaufen.

Olavinlinna

Ihre Geschichte beginnt im 15. Jahrhundert und mit einer Grenze.

Die Schweden

Finnland gehörte damals zum schwedischen Reich und dessen Ostgrenze war alles andere als unumstritten. Um diese Grenze und die wichtigen Wasserwege der Region gegen Angriffe aus dem Osten zu sichern, begann man 1475 mit dem Bau einer Festung auf einer kleinen Felseninsel.

Ein ziemlich geschickt gewählter Platz.

Rundherum Wasser und eine starke Strömung, die dafür sorgte, dass die Umgebung der Burg auch im Winter nicht zuverlässig zufror. Für mögliche Angreifer war das eher unpraktisch.

Die Burg wurde nach dem heiligen Olav benannt und zu einer der wichtigsten schwedischen Festungen im Osten.

Und Gelegenheit, ihre Verteidigungsfähigkeit unter Beweis zu stellen, bekam sie reichlich.

In den folgenden Jahrhunderten wurde Olavinlinna mehrfach von russischen Truppen belagert. 1714 fiel die Burg erstmals an Russland, wurde später aber noch einmal schwedisch. 1743 änderte sich das endgültig: Schweden musste die Region an Russland abtreten und Olavinlinna wurde zu einer russischen Grenzfestung.

Die Russen

Die Russen bauten die Anlage sogar noch weiter aus.

1809 änderte sich dann alles.

Schweden verlor ganz Finnland an das Russische Zarenreich. Damit verlief die Grenze plötzlich weit westlich von hier und eine Festung mitten im eigenen Territorium war militärisch nicht mehr ganz so wichtig.

Olavinlinna verlor ihre strategische Bedeutung.

Zeitweise wurde die Burg noch als Gefängnis genutzt, anschließend verfiel sie zunehmend. Im 19. Jahrhundert setzte sich jedoch langsam die Erkenntnis durch, dass man hier vielleicht doch etwas ziemlich Erhaltenswertes herumstehen hatte.

Restaurierungs- und Sicherungsarbeiten begannen und aus der ehemaligen Grenzfestung wurde nach und nach ein Kulturdenkmal.

Anfang des 20. Jahrhunderts bekam die Burg schließlich noch eine ganz andere Aufgabe.

Oper

1912 fand hier erstmals ein Opernfestival statt. Nach langen Unterbrechungen wurde diese Tradition in den 1960er-Jahren wiederbelebt. Heute gehört das Savonlinna Opera Festival zu den bekanntesten Kulturveranstaltungen Finnlands.

Dafür wird der Innenhof der mittelalterlichen Burg jeden Sommer in einen ziemlich außergewöhnlichen Opernsaal verwandelt. Eine große Überdachung schützt Bühne und Publikum vor dem finnischen Sommerwetter.

Die Konstruktion ist auf einigen unserer Bilder kaum zu übersehen.

Und jetzt wollen wir natürlich wissen, wie das Ganze von innen aussieht.

Die Führung

Wir nehmen an einer geführten Besichtugung teil, die bereits im Eintrittspreis enthalten ist. Das lohnt sich, denn dabei kommen wir auch in Bereiche der Burg, die man bei einer individuellen Besichtigung nicht betreten kann.

Unsere Führerin erzählt mit sichtbarer Begeisterung von der Geschichte der Burg und vom Leben der Menschen, die hier einst gewohnt und gearbeitet haben.

Und das vor einem ziemlich internationalen Publikum. Spanier, Deutsche, Schweden, Norweger und Franzosen sind dabei.

Entsprechend findet die Führung auf Englisch statt.

Unsere Führerin ist – wenig überraschend – Finnin.

Und trotzdem muss ich bei ihrem Englisch immer wieder ein wenig schmunzeln.

Denn ihr Akzent kommt mir erstaunlich bekannt vor.

Ich habe einige schottische Freunde aus der Gegend zwischen Edinburgh, St. Andrews und Dundee und kenne diesen Klang daher ziemlich gut.

Man stelle sich eine Schottin aus genau dieser Gegend vor, die gerade etwas gelangweilt und leicht genervt etwas erzählen muss.

Ungefähr so klingt unsere finnische Führerin.

Nur mit einem entscheidenden Unterschied:

Sie ist weder gelangweilt noch genervt.

Ganz im Gegenteil.

Parikkala

Für uns geht es nach der Besichtigung weiter nach Süden.

Zunächst kaufen wir aber noch ein wenig Proviant ein. Karjalanpiirakka dürfen natürlich nicht fehlen.

Bald haben wir die Gegend um Savonlinna hinter uns gelassen und fahren auf der finnischen Straße Nr. 6 nach Süden.

Nicht zu verwechseln mit der E6 in Norwegen.

Bevor wir unser Tagesziel erreichen, haben wir allerdings noch einen Stopp geplant.

Und der ist etwas speziell.

Der finnische Künstler Veijo Rönkkönen schuf hier in Parikkala im Laufe von rund 50 Jahren mehr als 500 Skulpturen aus Beton.

Und die stehen nicht in irgendeinem Museum.

Sie stehen im Garten seines Elternhauses.

Der Skulpturenpark

Sein wohl bekanntestes Werk ist eine riesige Gruppe von Yoga praktizierenden Figuren. Hunderte Betonmenschen stehen, sitzen und verrenken sich zwischen den Bäumen.

Aber der Park besteht aus weit mehr als dieser Yogagruppe.

Überall tauchen zwischen den Pflanzen Figuren auf. Menschen, Tiere und ziemlich eigenartige Wesen. Manche stehen offen auf einer Wiese, andere scheinen langsam im Wald zu verschwinden.

Und genau das war durchaus gewollt.

Rönkkönen wollte, dass seine Skulpturen mit der sie umgebenden Natur nach und nach eine Einheit bilden. Bei einigen der älteren Figuren ist das inzwischen kaum zu übersehen. Moose und Flechten überziehen den Beton und die Natur beginnt langsam, sich die Kunstwerke anzueignen.

Darin steckt ein interessanter Widerspruch.

Viele der Figuren zeigen junge, kräftige und bewegliche Körper. Gleichzeitig altern und verwittern die Skulpturen selbst.

Der Versuch, Jugend festzuhalten, trifft auf die unausweichliche Vergänglichkeit.

Was den Park für uns aber besonders macht, ist diese eigenartige Mischung aus Schönheit und Irritation.

Auf den ersten Blick wirken viele Figuren freundlich oder sogar verspielt.

Dann schaut man etwas genauer hin.

Manche Gesichter wirken plötzlich ziemlich surreal. Und einige der Figuren besitzen sogar echte menschliche Zähne.

Spätestens dann bekommt das Ganze eine etwas andere Atmosphäre.

Für uns hat sich dieser Stopp absolut gelohnt.

Zum Abschluss gibt es noch ein Lakritzeis.

Ein guter Tipp

Und eigentlich könnten wir jetzt weiterfahren.

Stattdessen kommen wir auf dem Parkplatz mit einem deutsch-finnischen Paar ins Gespräch, das dort Messer verkauft.

Wir unterhalten uns eine ganze Weile.

Und bekommen dabei einen ziemlich guten Tipp …

Ganz in der Nähe gibt es eine öffentliche Quelle, deren Wasserqualität regelmäßig kontrolliert wird.

Und dort kann man sich kostenlos mit Trinkwasser versorgen.

Solche Wasserstellen sind in Finnland gar nicht so ungewöhnlich. Gerade in ländlichen Gegenden gibt es auch heute noch Häuser, deren eigene Wasserversorgung kein oder zumindest nicht zuverlässig Trinkwasser liefert. Das Trinkwasser wird dann an solchen kontrollierten Wasserstellen geholt.

Für uns perfekt.

Also fahren wir kurz vorbei und tanken ein paar Liter Frischwasser für den Van.

Natürlich muss das Wasser vorher probiert werden.

Kaltes Quellwasser.

Bei inzwischen 27 Grad ziemlich erfrischend.

Geschmackstest bestanden.

Also Wasser bunkern und weiter.

Porvoo

Für den Rest des Tages ist vor allem eines angesagt:

Fahren.

Spektakulär wird es eigentlich nur noch einmal, als wir unterwegs eine ziemlich beeindruckende Gewitterfront durchqueren.

Gegen 20 Uhr erreichen wir den ersten von mehreren möglichen Stellplätzen, die wir uns für die Gegend kurz vor Helsinki herausgesucht haben.

Und der sagt uns direkt zu.

Also bleiben wir.

Wobei die Location auf einer Rodungsfläche stellenweise eher den Charme eines illegalen Schuttabladeplatzes versprüht.

Aber wir stehen ruhig und niemandem im Weg.

Ruhig?

Nicht ganz.

Irgendwo in der Ferne sind ständig industrielle Geräusche zu hören.

Also schauen wir irgendwann nach, was sich auf der anderen Seite der Bucht befindet.

Eine Raffinerie.

Das erklärt einiges.

Dafür werden wir am Abend noch mit einem wunderschönen Sonnenuntergang belohnt.

Und damit lässt sich auch die akustische Untermalung durch die Raffinerie ganz gut ertragen.

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