Orbis Balticus – Tag 17

Das Baltikum ist neu für uns.

Und eigentlich würden wir hier gerne noch deutlich mehr Zeit verbringen. Denn es gibt viel zu entdecken.

Gleichzeitig ist aber auch klar, dass wir in ein paar Tagen schon wieder zurück in Deutschland sein müssen.

Also heißt es weiter.

Wir verlassen unseren schönen Platz an der Ostsee und nutzen zunächst wieder Satellitenbilder als Navigationshilfe – zumindest so lange, bis auch Google Maps wieder Straßen kennt, die tatsächlich befahrbar sind.

Gestern sind wir aus Richtung Nordosten gekommen.

Heute verlassen wir den Platz auf einem etwas anderen Weg.

Denselben Weg zurückzufahren wäre schließlich zu einfach.

Haapsalu

Auf Wassersuche

Wir haben beschlossen, noch eine zweite Nacht in Estland zu verbringen.

Das gibt uns die Möglichkeit, ganz in Ruhe an der Ostsee entlang Richtung Süden zu fahren.

Außerdem sollten wir unsere Vorräte etwas auffüllen.

Estnisches Bier zu testen wäre ebenfalls nicht schlecht.

Und unser Wassertank sieht inzwischen auch etwas leer aus.

Haapsalu erscheint uns daher als ziemlich perfekter Ort, um all das zu erledigen – und der Weg dorthin sieht ebenfalls vielversprechend aus.

In Skandinavien haben wir bei Circle K immer wieder Wasser bekommen. Warum sollte das in Estland anders sein?

Ist es auch nicht.

Bei Circle K in Haapsalu gibt es Wasser und wir dürfen uns auch bedienen.

Allerdings mit einem kleinen Hinweis:

Kein Trinkwasser.

Gut.

Dann brauchen wir eben Plan B.

Und dabei stellen wir fest, dass es in Estland ähnlich wie in Finnland in vielen Orten öffentliche Wasserstellen gibt.

Auch in Haapsalu.

Also kommt unser Schweizer-Armee-Wassersack wieder zum Einsatz und wir befördern auf diese Weise insgesamt 40 Liter frisches Wasser in unseren Tank.

Während wir damit beschäftigt sind, kommen natürlich einige Einheimische vorbei, um ebenfalls Wasser zu holen.

Und dabei fällt uns ein deutlicher Unterschied zu unseren bisherigen Erfahrungen in Skandinavien und Finnland auf.

Niemand spricht uns an.

Niemand fragt, was wir da machen oder woher wir kommen.

Eigentlich nimmt überhaupt niemand Notiz von uns.

Kein „Tere“, kein Nicken, kein Lächeln.

Wir könnten genauso gut gar nicht da sein.

Ob das jetzt typisch estnisch ist oder wir einfach gerade besonders schweigsame Haapsaluer erwischt haben, wissen wir natürlich nicht.

Auffällig ist es trotzdem.

Haapsalu Museum

Wenn wir schon einmal in einem Ort mit Museen sind, können wir natürlich auch das einzige besuchen, das an einem Montag geöffnet hat.

Und das ist ausgerechnet eines, von dessen Thema wir vorher praktisch nichts wussten.

Das Rannarootsi Muuseum beschäftigt sich mit den Estlandschweden, die seit Jahrhunderten – wahrscheinlich sogar seit mehr als 1.000 Jahren – an der estnischen Westküste und auf den vorgelagerten Inseln leben.

Über die Jahrhunderte entwickelte sich hier eine eigene schwedischsprachige Gemeinschaft mit eigenen Schulen, Kirchengemeinden und Traditionen.

Dann kam der Zweite Weltkrieg.

Nach dem Hitler-Stalin-Pakt wurde Estland 1940 von der Sowjetunion besetzt. Auch die Estlandschweden waren von Repressionen und Deportationen betroffen.

1941 folgte die deutsche Besatzung.

Als sich 1944 die Rote Armee wieder näherte, verließen schließlich die meisten der noch in Estland lebenden Estlandschweden ihre Heimat und gingen nach Schweden. Manche konnten im Rahmen organisierter Transporte ausreisen, andere flohen mit Booten über die Ostsee.

Damit verschwand innerhalb weniger Jahre eine Gemeinschaft, die hier über Jahrhunderte existiert hatte, fast vollständig.

Das Museum erzählt diese Geschichte mit ziemlich viel Herzblut.

Und das merkt man auch an den beiden, die es heute betreuen.

Das Ehepaar erzählt uns zum Abschied, dass wir übrigens auch einfach hätten anrufen können, wenn das Museum geschlossen gewesen wäre.

Normalerweise würden sie dann einfach kommen und aufmachen.

So geht Museum offenbar auch.

Gesammelt wurden Exponate aus der gesamten Region. Dazu gehören Alltagsgegenstände ebenso wie Boote und ganze Gebäude beziehungsweise Gebäudeteile. Einige davon werden aktuell noch restauriert.

Ein Museum über Schweden.

Mitten in Estland.

Damit hatten wir heute Morgen auch nicht gerechnet.

Rundgang durch Haapsalu

Nach dem Museum machen wir uns auf in das alte Zentrum von Haapsalu.

Dabei fallen uns vor allem die vielen Gebäude aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert auf.

Damals gehörte Estland zum Russischen Zarenreich und Haapsalu entwickelte sich zu einem mondänen Kurort. Bereits 1825 eröffnete hier die erste Heilschlammanstalt. Später kamen wohlhabende Gäste aus St. Petersburg und sogar Mitglieder der Zarenfamilie zur Kur nach Haapsalu.

Aus dieser Zeit stammen viele der Villen, das Kurhaus und schließlich auch der Bahnhof.

Letzteren verpassen wir allerdings.

Zusammen mit der riesigen mittelalterlichen Bischofsburg ergibt sich dadurch eine interessante Mischung. Auf der einen Seite das mittelalterliche Haapsalu, auf der anderen die Badestadt des 19. Jahrhunderts.

Dazwischen scheint erstaunlich wenig passiert zu sein.

Zumindest architektonisch.

Auch Pjotr Tschaikowsky hat seine Spuren in Haapsalu hinterlassen.

1867 verbrachte er einige Wochen zusammen mit seinen Brüdern hier.

Was genau er während dieser Zeit komponierte, ist allerdings offenbar weniger eindeutig, als die touristischen Geschichten vermuten lassen.

Nach der offiziellen Haapsalu-Version arbeitete er hier an seiner Oper „Der Wojewode“ und komponierte den Klavierzyklus „Souvenir de Hapsal“.

Andere lokale Quellen sehen das inzwischen etwas nüchterner und bezweifeln, dass er während seines Aufenthalts überhaupt viel komponiert hat.

Aber natürlich gibt es eine Tschaikowsky-Bank.

Sie steht an jener Stelle an der Promenade, an der er der Überlieferung nach besonders gerne saß und aufs Meer blickte.

So die Geschichte.

Die Bank selbst stammt allerdings erst aus dem Jahr 1940. Sie wurde anlässlich seines 100. Geburtstags aufgestellt.

Und dieser Zeitpunkt ist durchaus interessant.

Estland war zu Beginn des Jahres 1940 noch ein unabhängiger Staat. Nur wenige Monate später folgte die sowjetische Besetzung und Annexion.

Die Tschaikowsky-Bank überstand anschließend auch die sowjetischen Jahrzehnte.

Dass ausgerechnet das Denkmal für einen der bedeutendsten russischen Komponisten dabei keine größeren politischen Schwierigkeiten bekam, dürfte zumindest nicht geschadet haben.

Hermans

Es ist Mittag.

Oder so.

Eigentlich ist es schon deutlich später.

Eine kleine Stärkung auf dem Rückweg zum Van kann jedenfalls nicht schaden.

Hermans liegt direkt hinter dem kleinen Tor in der Burgmauer, das zum Zeigerturm führt – dem mit der Uhr.

Sehr praktisch.

Auf der Karte findet sich ein typisches Bistro-Menü und im kleinen, lauschigen Biergarten bekommen wir um diese Zeit problemlos einen Platz.

Wir bestellen alkoholfreies Bier.

Estrella Galicia. 🫣

So viel zum Thema estnisches Bier.

Dazu gibt es für uns jeweils einen Wrap mit Pommes.

Und der überrascht.

Schon die Portionen sind sehr schön angerichtet, aber vor allem der Wrap ist ein kleines Geschmackserlebnis. Irgendwie eine Fusion aus dem, was man als Westeuropäer bei einem Wrap erwartet, und typisch baltischen Zutaten und Aromen.

Rote Bete und Dill finden sich beispielsweise in der Füllung und geben dem Ganzen einen ganz eigenen Geschmack.

Ungewöhnlich.

Und ausgesprochen lecker.

Selver

Da war ja noch etwas, das wir in Haapsalu erledigen wollten:

Einkaufen.

Eigentlich hatten wir uns dafür einen Rimi ausgesucht. Der hat allerdings nur ein Parkhaus – und da passen wir mit dem Van nicht hinein.

Ob es hinter dem Gebäude vielleicht doch noch offene Parkplätze gibt, können wir auf die Schnelle nicht herausfinden.

Das Problem kennen wir ja inzwischen schon aus Finnland.

Also Plan B.

Nur ein kleines Stück weiter gibt es einen Selver.

Mit riesigem Parkplatz.

Schon besser.

Und auch der Supermarkt selbst ist riesig. Ungefähr die Kategorie Stora Coop in Schweden oder großer E.Leclerc in Frankreich.

Hier gibt es eigentlich alles.

Und ein paar Dinge, mit denen wir nicht unbedingt gerechnet hätten.

Chips mit Schaschlik-Geschmack zum Beispiel.

Oder Schokoladen-Hummus.

Mit Chips sind wir allerdings noch ausreichend aus Finnland versorgt.

Den Schokoladen-Hummus müssen wir dagegen unbedingt ausprobieren.

Manche Dinge kann man schließlich nicht einfach im Regal stehen lassen.

Und natürlich bekommen wir hier endlich auch unser estnisches Bier.

Die Wahl fällt auf A. Le Coq.

Valgeranna küla

Für unseren Übernachtungsplatz haben wir heute drei Optionen.

Zwei an Seen und eine an der Ostsee.

Wir beschließen, zuerst die Variante an der Ostsee anzufahren.

In der Nähe von Pärnu haben wir einen Strandabschnitt gefunden, an dem Camping offenbar geduldet wird. Ob man hier ganz offiziell übernachten darf, wissen wir bis heute nicht.

Verbotsschilder gibt es durchaus – allerdings nur dort, wo man mit einem Fahrzeug ganz offensichtlich auch nichts zu suchen hat.

Wie verbreitet das Campen hier tatsächlich ist, werden wir erst am nächsten Tag feststellen. Über mehrere Kilometer stehen entlang der Küste immer wieder Camper, Zelte und Fahrzeuge. Manche haben sich offensichtlich für mehrere Tage eingerichtet.

Vorzugsweise Esten, Finnen und Letten.

Aber erst einmal müssen wir unseren Platz finden.

Also das übliche Spiel.

Rein in einen Waldweg.

Feststellen, dass es nicht weitergeht, weil der Weg zu schmal oder von Bäumen versperrt ist.

Rückwärts wieder raus.

Karten studieren.

Neuer Versuch.

Schließlich finden wir nach etwas Kartenstudium und unter energischem Protest von Google Maps sogar eine Zufahrt über geteerte Straßen.

Und direkt der erste Spot passt.

Wir bleiben.

Dieses Mal können wir sogar einfach die Tür offen lassen und uns noch ein wenig in die Sonne setzen.

Keine steife Brise, die einen Aufenthalt vor dem Van zur Überlebens-Challenge macht.

So hatten wir uns das vorgestellt.

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