Tag 7: Lislvika bis Bodø

Mit einem guten Heißgetränk genieße ich die blaue Stunde bevor es weiter am Tag7 von Lislvika bis Bodø nach Norden geht. Ich tanke Sonne, verpasse einen perfekten Spot für Polarlichter, sehe spektakuläre Skulpturen und verbleibe Polarlicht-technisch an einem ungünstigen Spot.

Blaue Stunde

Ein neuer Tag beginnt.

Die Dämmerung erhellt bereits den Van – ein Effekt meiner halb geschlossenen Dachluke, die sich damit als natürlicher Wecker bewährt hat.

Die Heizung läuft wieder im Dauerbetrieb, und die nächste logische Handlung folgt unmittelbar:
die Herstellung des wohl wichtigsten Heißgetränks des Tages.

Kaffee.

Mit einer frischen Tasse in der Hand lässt sich die blaue Stunde gleich noch besser genießen. Wobei „Stunde“ aktuell eher großzügig ausgelegt ist – tatsächlich zieht sich dieses Lichtspiel eher über zwei Stunden.

Der Blick aus den Seitenfenstern ist genauso beeindruckend wie am Abend zuvor.
Alles wirkt ruhig, klar und fast ein wenig unwirklich.

Der Plan für heute: weiter Richtung Bodø.
Idealerweise finde ich wieder einen ähnlich guten Übernachtungsplatz – und mit etwas Glück gibt es nachts noch einmal Polarlichter.

Während ich mein Frühstücksbrot esse, beginne ich mit der strategischen Planung:
Park4Night, Google Maps und ein wachsender Stapel möglicher Optionen.

Parallel dazu versuche ich, die Schmierung von Smartphone und Kaffeebecher mit Erdnussbutter auf einem akzeptablen Niveau zu halten.

Multitasking im Vanlife eben.

Ågskardet Ferjekai

Lange dauert die Überfahrt von Ågskardet nach Esøya nicht.
Hier darf man sogar im Auto sitzen bleiben – was auch sinnvoll ist, denn einen Aufenthaltsraum gibt es ohnehin nicht.

Also bleibe ich einfach sitzen und lasse die Landschaft an mir vorbeiziehen.

Es hat etwas Majestätisches, durch diese Gegend zu schippern.
Der Fjord wirkt fast surreal – schneebedeckte Berge, stilles Wasser, eine Szenerie, die eher an die Kulisse eines Science-Fiction-Films erinnert als an einen ganz normalen Fährabschnitt.

Man könnte fast glauben, auf einem fremden Planeten gelandet zu sein.

Und dann gibt es da diesen kleinen Bruch mit der Illusion:

Auf dem Autodeck steht ein halbautomatisches Schneeräumgerät.

Sehr praktisch.
Sehr funktional.
Vielleicht etwas überdimensioniert.
Und eindeutig wieder ganz von dieser Welt.

Meløy

Untewegs gibt es so einiges zu sehen. Vieles versuche ich mit den Action Cams im Van zu filmen. Manchmal gibt es sogar die Möglichkeit, anzuhalten.

Braset Rasteplass

Ein Stück weiter gibt es gleich zwei Rastplätze.
Am ersten fahre ich zunächst vorbei und entscheide mich spontan für den unteren.

Vor Ort stellt sich dann heraus:
nicht geräumt.

Und selbst wenn – die Sicht auf den Fjord wäre eher… überschaubar gewesen.

Also wird gewendet und zurück zum oberen Platz gefahren.

Dort eröffnet sich dann genau das, was man sich erhofft:
ein fantastischer Blick über den Fjord.

Zumindest in der Theorie.

Denn für die normale Kamera hat die Natur beschlossen, an dieser Stelle etwas zu großzügig mit Gestrüpp umzugehen.

Zum Glück habe ich ein Werkzeug dabei, das solche Hindernisse eher als Vorschlag versteht:
die Drohne.

Und das Beste:
Fliegen ist hier erlaubt.

Was diesen Ort an diesem Morgen aber wirklich besonders macht, ist der Nebel, der über dem Wasser des Fjords liegt.

Langsam wird er von einer leichten Brise in meine Richtung geschoben und legt sich wie ein beweglicher Schleier über die Landschaft.

Das Ganze wirkt fast inszeniert –
ruhig, dynamisch und gleichzeitig ziemlich spektakulär.

Dieser Rastplatz hat nicht nur den Blick auf den Fjord zu bieten.

Er zeigt auch sehr anschaulich, was der Winter im Norden mit der Feuchtigkeit anstellt, die langsam aus dem Hang neben der Straße austritt.

Was im Sommer vermutlich unscheinbar vor sich hin rieselt, verwandelt sich hier in eine Sammlung bizarrer Eisskulpturen.

Gefrorene Tropfen, gewachsene Strukturen, teilweise wie Vorhänge aus Glas – alles erstarrt in dem Moment, in dem das Wasser beschließt, sich nicht mehr weiterzubewegen.

Diese Formationen begleiten einen immer wieder, wenn man hier oben unterwegs ist.
Fast so, als hätte der Winter entlang der Straßen kleine Ausstellungen aus Eis eingerichtet.

Unauffällig platziert –
aber jedes Mal aufs Neue beeindruckend.

Svartisen

Unweit des Rastplatzes entdecke ich einen kleinen Anleger.
Dort liegt ein Boot, offenbar für den gesamten Winter fest vertäut.

Mit Schnee bedeckt, von Eis umgeben und vollkommen regungslos wirkt es fast wie Teil der Landschaft geworden.
Fotografisch bietet es jedenfalls einiges – eine Mischung aus Funktionalität und winterlicher Starre.

Während ich mich umschaue, fällt mein Blick auf die andere Seite des Fjords.

Ein bläuliches Schimmern.
Ungewöhnlich. Fast unwirklich.

Ist das etwa… ein Gletscher?

Ein kurzer Blick auf die Karte bestätigt den Verdacht:
Ich hatte mir diesen Ort – und den gegenüberliegenden – tatsächlich schon einmal markiert.

Hier auf meiner Seite befindet sich der Anleger für die Fähre zum Svartisen-Gletscher, der genau dort drüben zu sehen ist.

Und das Boot?
Das ist höchstwahrscheinlich genau diese Fähre.

Allerdings in ihrem aktuellen Betriebszustand:
Winterschlaf.

Wenn ich hinüber möchte, müsste ich wohl bis zum Sommer warten.

Ein weiterer Ort für die Liste:
„Beim nächsten Mal.“

Ørnes

In den kleinen Orten entlang der FV17 sind die Supermärkte sonntags geschlossen – das hatte ich bereits herausgefunden.

Heute ist Samstag.
Also höchste Zeit, sich vorsorglich mit dem Nötigsten einzudecken, damit der Sonntag nicht unfreiwillig zum Fastentag wird.

Grillen wäre eigentlich auch eine gute Idee.
Nur: Holz gibt es im Extra leider keines.

Dafür aber Bier.

Und so landet – trotz nordnorwegischer Preisgestaltung – ein Sixpack Isbjørn Bier im Einkaufswagen.
Für den Preis einer solchen Dose hätte ich in Schweden fast ein ganzes Sixpack bekommen.

Aber gut:
Wochenende ist Wochenende.

Auch der Van meldet Bedarf an – Diesel.
Und während ich tanke, kommt mir eine Idee:

Vielleicht weiß hier jemand, wo ich Holz bekomme.

Der Tankwart weiß es nicht nur – er zeigt es mir gleich persönlich.
Nicht nur auf der Karte, sondern direkt draußen vor der Tür, inklusive genauer Wegbeschreibung.

Service auf nordnorwegische Art.

Kurze Zeit später stehe ich beim Felleskjøpet.

Und tatsächlich:
Hier ist das Holz deutlich günstiger – 89 NOK statt 159 NOK, wie noch vor ein paar Tagen im Supermarkt.

An der Kasse wird es dann leicht… kommunikativ herausfordernd.

Die beiden Damen sprechen entweder nur begrenzt Englisch – oder sind ausgesprochen verkaufsstark.

Denn sie versuchen sehr überzeugend, mir gleich fünf Säcke Holz anzudrehen.

Wenn ich mein Norwegisch halbwegs richtig interpretiere, lautet das Argument:
Mit nur einem Sack bekommt man kein richtiges Campfire hin.

Ein valider Punkt.

Aber ich entscheide mich dennoch für die etwas defensivere Variante.

Man muss ja nicht gleich ein ganzes Holzdepot eröffnen.

Meloy

Ein paar Kilometer weiter halte ich wieder an.
Der Parkplatz liegt einfach zu verlockend in der Sonne – perfekt, um ein wenig Vitamin D zu tanken.

Also kurze Pause.

Auch der Van darf etwas davon abbekommen.
Mit Vitamin D kann er zwar nichts anfangen, aber ein bisschen Sonne tut ihm trotzdem gut.

Das zeigt sich auch direkt an der Anzeige:
Es kommen tatsächlich deutlich über 50 % der Peakleistung meines mobilen Solarpanels herein.

Für diese Jahreszeit und diese Breiten ist das fast schon eine kleine Sensation.

Man könnte sagen:
Wir laden heute beide – jeder auf seine Weise.

Storvik

Kurzer Stopp an einem Rastplatz bei Storvik.

In der Retrospektive wäre das vermutlich ein ziemlich guter Ort gewesen, um die Nacht zu verbringen.
Ruhig, gute Lage, und die Umgebung macht ebenfalls einiges her.

Aber gut – hinterher ist man immer schlauer.

Und was wäre so eine Reise ohne Entscheidungen mit einem gewissen,
überschaubaren Risiko?

Am Ende gehören genau diese Momente ja dazu:
weiterfahren, obwohl es eigentlich schon passt –
und darauf vertrauen, dass irgendwo noch ein noch besserer Platz wartet.

Sandhornøya

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, an diesem Platz bei der Brücke von Sandhornøya zu übernachten.
Auf Park4Night wird er schließlich durchweg gelobt.

Vor Ort zeigt sich dann allerdings eine kleine Einschränkung:
Es ist… ziemlich windig.

Genauer gesagt:
Der Platz wäre ideal für eine mobile Windturbine
aber weniger geeignet für eine Nacht, in der man draußen steht und entspannt Polarlichter fotografieren möchte.

Auch die Aussicht nach Norden ist eher durchschnittlich.
Nicht schlecht, aber eben auch nicht das, was man sich für so einen Abend erhofft.

Damit ist die Entscheidung schnell getroffen:

Weiterfahren.

Manchmal reicht schon ein kräftiger Windstoß,
um einen Plan elegant über Bord zu werfen.

Mulstrandtind

Und schließlich finde ich mich auf einmal nördlich von Bodø wieder.

Ein weiterer potenzieller Übernachtungsplatz entpuppt sich zuvor noch als Baustelle – nicht ganz das, was man sich für einen entspannten Abend vorstellt.

Hier jedoch scheint alles zu passen.
Die Chancen stehen gut, dass ich endlich eine ruhige Nacht verbringen kann.

Für den Abend ist allerdings Bewölkung angekündigt.
Damit wird die eher bescheidene Sicht nach Norden plötzlich weniger relevant.

Noch weiterzufahren ergibt jetzt ohnehin keinen Sinn mehr.
Es ist bereits dunkel, und der Tag darf langsam ausklingen.

Bevor die Wolken jedoch endgültig die Kontrolle übernehmen, zeigen sich noch ein paar Polarlichter.

Nicht spektakulär, nicht überwältigend –
aber genau genug, um den Tag mit einem leisen, grünen Akzent zu beenden.

Unterwegs bin ich noch auf diese bizarren Eisgebilde gestoßen…

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