Enontekiö bis Luleå
Enontekiö
Die Wahl meines Schlafplatzes war – sagen wir – suboptimal.
Die ganze Nacht donnern immer wieder LKWs vorbei.
Durchschlafen bleibt damit eher ein theoretisches Konzept.
Also breche ich extrem früh wieder auf.
Es ist gerade einmal fünf Uhr morgens.
Weiter geht es Richtung Kiruna.
Während ich den Van startklar mache, zeigen sich durch den leichten Nebel sogar noch ein paar Polarlichter. Ein ziemlich surrealer Anblick zu dieser Uhrzeit.
Und kalt ist es.
Sehr kalt.
Aktuell zeigt das Thermometer –31 °C.
Trotz fehlender Motorvorwärmung – wir erinnern uns an die festgerostete Schraube und die gescheiterte Reparaturaktion – startet der Van problemlos.
Temperaturrekord
Ein paar Kurven später sind es bereits –37 °C.
Absoluter Rekord.
Für mich – und vermutlich auch für den Van.
Und genau hier merkt man, dass Temperaturen unter –30 °C noch einmal eine ganz eigene Liga sind.
Hinten läuft die Standheizung auf Volllast, vorne arbeitet die normale Fahrzeugheizung ebenfalls durchgehend. Die Kühlwassertemperatur fällt immer wieder unter den normalen Bereich von knapp 90 °C.
Der Motor schafft es schlicht nicht mehr, seine Betriebstemperatur zu halten.
Aus den Lüftungsdüsen vorne kommt nur noch ein eher symbolisches, lauwarmes Lüftchen.
Die Seitenscheiben sind von innen gefroren.
Gerade genug Sicht bleibt, um die Außenspiegel noch erkennen zu können.
Bei diesen Temperaturen reicht die Heizleistung des Fahrzeugs einfach nicht mehr aus, um den Innenraum wirklich warm zu bekommen.
Immerhin:
Es herrschen noch keine Minusgrade im Fahrzeug.
Das ist inzwischen schon die gute Nachricht.
Und genau jetzt wäre die zweite Standheizung natürlich äußerst hilfreich.
Nur leider hatte sie am Vorabend beschlossen, ihren Dienst einzustellen.
Zwischendurch lief sie zwar noch einmal kurz an – nur um wenig später wieder aufzugeben.
Meine Vermutung:
In der Dieselleitung befindet sich noch zu viel normaler Winterdiesel statt arktischer Diesel.
Und normaler Winterdiesel entwickelt bei solchen Temperaturen die unangenehme Eigenschaft, sich langsam in eine Art
Wachs mit Vergangenheit als Kraftstoff zu verwandeln.


Kiruna
Es ist noch früh, als ich Kiruna erreiche.
Von der Sonne ist noch nichts zu sehen.
Das Auto ist inzwischen immerhin etwas wärmer geworden, aber das Eis an den Seitenscheiben hält sich weiterhin erstaunlich hartnäckig.
Zumindest zeigt das Thermometer hier „nur“ noch –26 °C.
Mein erster Halt ist der COOP-Parkplatz.
Dort parke ich den Van – und schlafe erst einmal noch ein paar Stunden weiter.
Ein Van aus Spanien steht ebenfalls hier.
Offenbar bin ich also nicht der Einzige mit leicht fragwürdigen Temperaturentscheidungen.
Als ich wieder aufwache, ist deutlich mehr Leben auf dem Parkplatz.
Kiruna ist wach.
Ich gehe kurz in den COOP, um ein paar Kleinigkeiten einzukaufen.
Fast wären diese sogar kostenlos gewesen.
Der Kassierer hatte nämlich noch den Bezahlvorgang der Kundin vor mir offen und zunächst alles auf deren Kreditkarte gebucht.
Aber gut –
ich entscheide mich dann doch für die ehrliche Variante und bezahle meinen Einkauf selbst.
Der weitere Plan lautet:
tanken und die Innenstadt ansehen.
Downtown
Allerdings stellt sich relativ schnell heraus, dass es dort momentan weniger zu sehen gibt als erhofft.
Eigentlich wollte ich mir die alte Kirche von Kiruna an ihrem neuen Standort ansehen.
Doch der Bereich ist noch weiträumig mit Bauzäunen abgesperrt.
Die Architektur der neuen Innenstadt wirkt modern – gleichzeitig aber auch sehr funktional.
Nicht jeder scheint davon begeistert zu sein.
Einige sagen sogar, die Innenstadt sei inzwischen „kälter“ geworden.
Und damit meinen sie offenbar nicht nur die Atmosphäre.
Soweit ich gelesen habe, liegt das tatsächlich an der neuen Straßenführung:
Die geraden Straßen lassen den Wind deutlich besser durchziehen und verhindern die Bildung dieser kleinen Wärmeinseln, die es früher wohl gab.
Interessant, wie stark Stadtplanung hier oben sogar das Klima innerhalb einer Stadt beeinflusst.
Was ebenfalls auffällt:
Es sind unglaublich viele Touristen unterwegs. Deutlich mehr, als ich erwartet hatte.
Kiruna scheint inzwischen eine Art Ausgangsbasis für nahezu alles geworden zu sein,
was man im Norden so erleben kann.










Polarkreis
Das nächste Ziel heißt Luleå.
Dort wartet etwas Besonderes auf mich.
Auf dem Weg dorthin überquere ich erneut den Polarkreis – diesmal allerdings in Richtung Süden.
Damit ist endgültig klar:
Ich befinde mich jetzt auf dem Rückweg.
Ein merkwürdiges Gefühl irgendwie.
Denn auch wenn noch einige Kilometer und Erlebnisse vor mir liegen, verändert sich die Reise damit spürbar.
Unterwegs sehe ich heute erstaunlich viele Rentiere.
Sogar ein Fuchs kreuzt meinen Weg.
Zum Fotografieren ergibt sich allerdings nur ein einziges Mal wirklich die Gelegenheit anzuhalten.
Wie so oft hier oben gilt:
Die schönsten Motive erscheinen meistens genau dann,
wenn man gerade keine Möglichkeit hat stehenzubleiben.





Luleå
Noch vor Sonnenuntergang erreiche ich wie geplant Luleå.Der Plan ist simpel:
erst tanken –
dann folgt mein kleines Miniabenteuer.Die Tankstelle beschließt allerdings, den ersten Teil unnötig spannend zu gestalten.An der ersten Zapfsäule fließt der Diesel derart langsam, dass ich ernsthaft den Eindruck bekomme, dort auch am nächsten Morgen noch zu stehen.Also wird umgeparkt.Die nächste Säule funktioniert dann erfreulicherweise ganz normal.Manchmal besteht Abenteuer eben auch einfach daraus,
eine funktionierende Zapfsäule zu finden.


Ice Road
In Luleå gibt es im Winter eine ziemlich besondere Möglichkeit der Fortbewegung:
Wenn die Ostsee ausreichend zugefroren ist, werden hier tatsächlich Eisstraßen freigegeben.
Und da es aktuell richtig kalt ist, dürfen momentan sogar Fahrzeuge bis 12 Tonnen darauf fahren.
Das muss man natürlich ausprobieren.
Also rolle ich wenig später tatsächlich mit dem Van über das gefrorene Meer.
Ein ziemlich surrealer Moment.
Man weiß zwar rational, dass das Eis dick genug ist – trotzdem meldet sich irgendwo im Hinterkopf permanent dieser kleine Gedanke:
„Das hier ist eigentlich Wasser.“
Das Ganze hat definitiv leichte Ice Road Truckers-Vibes.
Nur mit deutlich weniger Drama und vermutlich schlechterem Catering.
Unweit der Eisstraße entdecke ich später noch einen kleinen Wanderparkplatz.
Und da der Platz ruhig wirkt und die Umgebung passt, entscheide ich spontan, genau dort die Nacht zu verbringen.




