Tag 13: Brensholmen bis Enontekiö

Brensholmen bis Enontekiö – heute ist Fahrtag mit ein paar kleinen Pausen. Es war anders geplant, aber wie so oft, werde ich die Planung an die Realität anpassen. Am Ende des Tages erreiche ich mit Enontekiö Finnland, wo es so richtig winterlich wird, so im arktischen Sinne.

Brensholmen

Es ist noch nicht einmal 7:45 Uhr.
Die erste Fähre Richtung Senja fährt erst in etwa einer Stunde – und trotzdem stehen hier bereits seit geraumer Zeit die kleinen Busse mit den offensichtlich recht zahlungskräftigen asiatischen Touristen.

Natürlich werden auch fleißig Fotos gemacht.
Vor allem von – und vor – meinem Van.

Und das alles noch vor dem Frühstück.

Gegen 8:30 Uhr wird dann klar:
Die Schlange reicht inzwischen weit an meinem Übernachtungsplatz vorbei.

Die spannende Frage lautet jetzt:
Kommen die überhaupt noch alle mit?

Die nächste Fähre würde erst wieder kurz vor 13 Uhr fahren.

Anyway.

Ich habe eigentlich ganz gut geschlafen.
Allerdings hat der Wind in der Nacht immer wieder ordentlich zugelegt und mich zwischendurch geweckt.

Gegen sieben Uhr tauchte kurz ein Schneepflug auf – und verschwand wenig später direkt wieder.
Viel zu räumen gab es vermutlich ohnehin nicht. Bei dem Wind bleibt der Schnee hier selten lange an derselben Stelle liegen.

Gleich steht für mich noch eine kurze Videokonferenz mit Freunden an.
Danach geht es – mit ein paar Umwegen – weiter Richtung Tromsø und letztlich schon langsam in Richtung Kiruna, auch wenn ich das heute definitiv nicht mehr erreichen werde.

Offen bleibt allerdings noch eine strategisch wichtige Frage:

Nehme ich meine Lieblingsroute über Finnland – länger, aber landschaftlich und fahrerisch entspannter –
oder die etwas kürzere Strecke über Narvik?

Die Entscheidung wird vermutlich…
unterwegs fallen.

Da ist wohl jemand nicht mehr mitgekommen… kenne ich.

Sommarøy

Es ist schon beeindruckend, was auf dieser eigentlich wunderschönen Insel gerade los ist.

Gefühlt alles, was irgendwie aus Tromsø herausfindet, landet früher oder später hier.

Und ebenso gefühlt hat ein beträchtlicher Teil der Mietwagenfahrer zuvor noch nie ernsthaft Schnee oder Eis gesehen.

Das führt dazu, dass manche dieser Touristen unterwegs vor allem eines werden:
eine gewisse Gefahr – für sich selbst und gelegentlich auch für andere.

Die Fahrer der Tourbusse wiederum wirken, als hätten sie mit dem Konzept von Ausweichstellen eher theoretische Berührungspunkte.
Oft wird einfach weitergefahren und darauf vertraut, dass sich das Problem irgendwie löst.

Kurz gesagt:

Das Fahren macht hier gerade nur begrenzt Freude.

Also ändere ich meine Strategie und versuche Orte zu finden, die für den typischen asiatischen oder US-amerikanischen Bustouristen eher… uninteressant wirken.

Das Problem dabei:
Parkplätze sind ohnehin Mangelware.

Und für eine längere Wanderung von einem weiter entfernten Parkplatz fehlt mir angesichts der Kombination aus Wetter, Menschenmengen und Verkehr aktuell etwas die Motivation.

Also fällt die Entscheidung:

Zurück nach Brensholmen.

K:a

Eine Kirche ist ein Ort der Ruhe und der Stille.
Auch hier auf Hillesøy fühlt sich das nicht anders an.

Nach dem Trubel auf Sommarøy wirkt es fast wie eine andere Welt.

Nur eine einzige Person ist überhaupt in Sichtweite, und den Parkplatz habe ich komplett für mich allein.
Kein Gedränge, keine Busse, keine hektischen Fotostopps.

Nur Wind, Meer und diese angenehme nordische Ruhe.

In dieser Stimmung fällt mir die Entscheidung erstaunlich leicht:

Ich breche schon heute langsam in Richtung Kiruna auf.

Balsfjord und zwischendurch

Ich bin inzwischen etwa 100 Kilometer durch eine wirklich beeindruckende Landschaft gefahren.Viele Möglichkeiten zum Anhalten gab es leider nicht.
Die Straßen hier lassen spontane Fotostopps nur begrenzt zu.Aber selbst einfach nur durchzufahren war diese Strecke absolut wert.Da es noch hell ist, fahre ich weiter Richtung Kiruna, wo ich morgen einen längeren Halt einlegen möchte.Im Moment fühlt sich genau das richtig an:
einfach weiterfahren, die Landschaft genießen und schauen, was hinter der nächsten Kurve wartet.

Einkaufen

Noch ist es vergleichsweise warm:
gerade einmal –9 °C.

Ich nutze die Gelegenheit, um noch etwas norwegisches Pfand loszuwerden und ein paar Kleinigkeiten einzukaufen.

Denn egal, wo ich heute Nacht landen werde –
es wird definitiv kalt.

Und bei solchen Temperaturen ist es durchaus sinnvoll, möglichst wenig Energie ins Kochen zu investieren, damit die Heizungen einfach entspannt durchlaufen können.

Pragmatische Winterlogik eben:

Lieber schnell etwas essen
als später frierend Gourmetküche spielen.

Enonteikiö

Tanken mit laufendem Motor
das hatte ich bisher auch noch nicht gemacht.

Hier scheint das allerdings völlig normal zu sein.
Die Einheimischen machen es jedenfalls genauso.

Und bei aktuell –27 °C versteht man auch ziemlich schnell warum.

Unter solchen Bedingungen entwickelt man plötzlich ein ganz neues Verhältnis zu allem, was Wärme produziert.

Der Diesel in Finnland ist momentan zwar teurer als in Schweden,
aber immer noch deutlich günstiger als in Norwegen.

Also wird getankt –
mit laufendem Motor und leicht verändertem Verständnis davon,
was unter arktischen Bedingungen eigentlich noch als „normal“ gilt.

Das Tagesziel ist erreicht.

Hier werde ich die Nacht verbringen.

Inzwischen laufen beide Heizungen, und vorhin zeigte das Display im Auto beeindruckende –29 °C.

Das ist bisher persönlicher Rekord.

Unter solchen Bedingungen bekommt der Begriff „gemütlicher Innenraum“ plötzlich eine ganz neue Bedeutung –
und man entwickelt großen Respekt vor allem, was zuverlässig Wärme erzeugt.

Es gibt heute Pizza aus der kleinen Pfanne – also aus dem Sandwichmaker.

Und überraschenderweise ist sie richtig gut geworden.
Ich bin satt, zufrieden und für einen kurzen Moment ziemlich überzeugt davon, dass diese improvisierte Van-Küche inzwischen erstaunlich brauchbar funktioniert.

Einen kleinen Wermutstropfen gibt es allerdings doch:

Die zweite Heizung hat beschlossen, den Dienst einzustellen.

Offenbar bekommt sie keinen Diesel mehr.
Bei den Temperaturen ist der Kraftstoff in der Leitung vermutlich langsam in einen Zustand übergegangen, den man irgendwo zwischen flüssig und geologisch interessant einordnen kann.

Vorhin zeigte das Auto schließlich –29 °C.

Also lautet der Plan für den restlichen Abend:

früh ins Bett gehen
und die verbleibende Heizung moralisch unterstützen.

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