Tag 10: Mjøsundbruan bis Mefjord

Mjøsundbruan bis Mefjord: Heute erreiche ich den nächsten Milestone: Senja. Davor passieren noch einige interessante Dinge und abends gibt es wieder ein Feuerwerk am Himmel.

Mjøsundbruan

Der Parkplatz, den ich mir für die Nacht ausgesucht habe, ist ja doch recht… verkehrsgünstig gelegen.
Hinter mir die Straße, die Brücke ebenfalls nicht weit entfernt.

Gestern Abend war hier kaum noch etwas los, und in der Nacht habe ich entsprechend tief und ungestört geschlafen. Vorbeifahrende Fahrzeuge habe ich jedenfalls nicht wahrgenommen.

Jetzt am Morgen sieht das etwas anders aus:
Die lokale Rush Hour hat begonnen.

Alle paar Minuten fährt ein Auto vorbei, hin und wieder auch ein LKW.

Kurz gesagt:
Das Verkehrsaufkommen bleibt… übersichtlich.

Wie fast jeder Morgen dieser Reise beginnt auch dieser ohne große Überraschungen:
mit einer Tasse Kaffee, frisch aus der Mokkakanne auf dem Induktionsherd.

Die Heizung hat den Van nach der Nachtabsenkung wieder auf angenehme 20 °C gebracht, und ich beginne, den Tag zu planen.

Zur Unterstützung habe ich mir die Foto-App „Locations“ heruntergeladen.
Kostenpflichtig, aber dafür mit einer Sammlung potenzieller Fotospots inklusive Beispielbildern.

Also kurzerhand ein kleines Abo abgeschlossen.

Für Senja und den Weg dorthin sind einige interessante Orte hinterlegt –
auch wenn die Liste insgesamt noch recht überschaubar ist. Die App scheint noch nicht allzu verbreitet zu sein.

Technisch macht sie aber einen guten Eindruck.

Irgendwann steht der Plan.
Das Frühstück ist gegessen, der Abwasch erledigt.

Und ich bin bereit,
weiterzufahren.

Dyroy

Schon seit einiger Zeit fahre ich wieder durch eine wunderschöne Landschaft, als plötzlich dieser See auftaucht – mit einem markanten Berg dahinter.

Genau einer dieser Momente, bei denen man nicht einfach weiterfahren kann.

Zum Glück gibt es einen kleinen Wanderparkplatz, der sogar geräumt und befahrbar ist.
Vom Parkplatz selbst ergibt sich allerdings noch kein wirklich gutes Motiv.

Aber:
Ein paar Fußspuren im Schnee führen in Richtung See.

Also raus aus dem Van und hinterher.

Ein paar Schritte später – für die Gamaschen durchaus sinnvoll gewesen wären – stehe ich schon fast am Ufer.
Oder zumindest dort, wo ich vermute, dass das Ufer sein müsste.

Der See selbst ist vollständig im Wintermodus.
Nur die glatte, unberührte Schneedecke verrät, dass sich darunter eigentlich Wasser befindet.

Hier ergibt sich die Gelegenheit für ein paar Fotos, bevor sich meine Beine melden und höflich darauf hinweisen, dass sie bei –17 °C und feuchter Hose nicht unbedingt länger draußen verweilen möchten.

Ein kurzer Moment –
aber genau einer von denen, die man mitnimmt.

Sorreisa

Ein deutscher Panzer.
Ein Wiesel, um genau zu sein.

Nicht unbedingt das, womit man hier zwischen Fjorden und verschneiten Bergen rechnet.

In ein paar Wochen soll hier ein größeres europäisches Manöver stattfinden.
Vermutlich gehört dieses Fahrzeug schon zu den Vorbereitungen.

Im weiteren Verlauf der Strecke begegnen mir immer wieder auch norwegische und schwedische Einheiten.

Ein ungewohnter Anblick in dieser ansonsten so ruhigen, fast still wirkenden Landschaft.

Aber vielleicht ist es genau dieser Kontrast,
der einem noch einmal bewusst macht, wo man sich gerade befindet.

Finnsnes

Eigentlich wollte ich nur tanken.

Aber dann fällt mir ein:
Eine Packung Milch wäre auch nicht verkehrt.

Und…
Bier ist ebenfalls keines mehr da.

Also bleibt es natürlich nicht beim Tanken.

Ein kurzer Abstecher in den Supermarkt wird daraus, bei dem sich wie von selbst noch ein paar weitere Dinge in den Einkaufswagen gesellen.

Danach geht es zurück zur Tankstelle.

Und beim Blick auf den Kassenbon wird klar:
Das Bier ist in der Zwischenzeit leider nicht günstiger geworden.

Manchmal hat man ja Hoffnung.

Another one off the ditch

Auf dem Weg zu einem Fotospot komme ich an einem Ford Explorer vorbei, der etwas… unglücklich positioniert ist.

Ein chinesisches Paar ist damit unterwegs und wollte offenbar wenden.
Dabei wurden die Fähigkeiten des Allrads ein wenig überschätzt.

Zugegeben:
Der Straßengraben ist hier praktisch unsichtbar. Vom Schnee zugeschoben und durch frischen Neuschnee perfekt getarnt.

Die Schneemobilspuren daneben vermitteln zusätzlich einen trügerischen Eindruck von Tragfähigkeit.
Bis zu dem Moment, in dem das Fahrzeug einsinkt – und klar wird, dass ein Explorer eben doch kein Schneemobil ist.

Also wieder:
Bergeseil raus, Trackboards runter, Lage einschätzen, ansetzen.

Dieses Mal ist es etwas mehr Arbeit als beim letzten Einsatz.
Aber am Ende gelingt es trotzdem, das Fahrzeug wieder auf die Straße zu ziehen.

Das Paar ist entsprechend überglücklich.

Und ich habe ihnen vermutlich eine recht teure Bergung erspart.
Je nach Aufwand und Anfahrt werden hier schnell 400 bis 800 Euro fällig.

Ein weiterer Moment, in dem sich zeigt:
Ein bisschen Ausrüstung – und die Bereitschaft anzuhalten –
kann unterwegs ziemlich hilfreich sein.

Übrigens: Während ich dabei bin zu helfen, halten plötzlich auch andere Norweger an und bieten ihre Unterstützung an.

Ein interessanter Moment.

Denn das Paar hatte bereits über eine Stunde dort festgesteckt – ohne dass zuvor jemand angehalten hätte.

Vielleicht war die Situation vorher nicht ganz eindeutig.
Oder es fehlte einfach der erste, der den Anfang macht.

Sobald sich jedoch jemand kümmert, scheint sich die Dynamik zu ändern.

Plötzlich ist Hilfe da.

Manchmal braucht es unterwegs eben genau das:
einen, der anfängt.

Von unterwegs

Oft ist es gar nicht möglich, einfach anzuhalten, auszusteigen und in Ruhe Fotos zu machen.

Zu schmal die Straßen, zu unübersichtlich die Kurven – oder einfach kein geeigneter Platz in Sicht.

Hin und wieder ergibt sich aber doch die Gelegenheit für ein kurzes Anhalten direkt auf der Straße.
Schnell raus, ein paar Aufnahmen – und weiter geht’s.

Nicht geplant, nicht perfekt vorbereitet –
aber genau diese spontanen Momente haben oft ihren ganz eigenen Reiz.

Hier also ein paar Eindrücke von unterwegs
alle entstanden auf Senja.

Bergsbotn

Hier gibt es eine Aussichtsplattform – offensichtlich für Bustouristen.
Und natürlich auch für all die Leihwagen-Abenteurer, die von Tromsø aus unterwegs sind.

Der Flughafen ist ja nicht wirklich weit entfernt.

Im Winter sind die klassischen Reisebusse allerdings eher selten unterwegs.
Stattdessen dominieren diese etwas kompakteren Varianten –
eine Art Großraumtaxi mit sechs bis zehn Touristen, die gemeinsam auf Aussicht programmiert sind.

Und ja, die Plattform bietet definitiv einen beeindruckenden Blick auf Bergsbotn.

Aber wie so oft gilt auch hier:

Ein paar Schritte daneben –
und die Aussicht wird noch besser.

Vielleicht weniger komfortabel,
aber dafür ein kleines bisschen mehr…
eigenständig entdeckt.

Tungeneset

Die als „Teufelszähne“ bekannten Berge heißen eigentlich Okshornan.
Und dieser Viewpoint hier ist… einfach genial.

Man kann über die Felsen klettern, sich verschiedene Perspektiven suchen und bekommt immer wieder neue, beeindruckende Blickwinkel.

Allerdings ist es – wenig überraschend – Winter.
Und Winter bedeutet hier: Eis. Überall dort, wo es auch nur ansatzweise feucht ist.

Warum viele Touristen trotzdem mit Turnschuhen ohne Grödel unterwegs sind, bleibt mir ein Rätsel.

Der Konflikt

Während ich meine Grödel anlege, fährt eine Dame mit erstaunlichem Tempo auf den Parkplatz.
Dabei erwischt sie beinahe einen der Fahrer dieser typischen Bustaxis.

Anstatt langsamer zu werden, wird gehupt – und weitergefahren.

Kurz darauf entwickelt sich eine durchaus heftige Diskussion zwischen den beiden.

Ich komme auf dem Weg zum Viewpoint an ihnen vorbei.
Die Dame sieht keinerlei Fehler bei sich und ist der Meinung, der Busfahrer hätte besser aufpassen müssen.

Dieser wiederum sieht das naturgemäß anders.

Ich versuche kurz zu vermitteln – werde aber direkt Teil der Diskussion.
Eine Schimpftirade später ist klar:
Das führt hier zu nichts.

Also ziehe ich mich aus der Situation zurück, beruhige stattdessen den Busfahrer noch ein wenig.
Ein kurzes „Denia Hania“ (Danke) bringt ihm ein Lächeln ins Gesicht, und er bedankt sich für die Unterstützung.

Viewpoint

Zurück zum eigentlichen Ziel:

Der Viewpoint.

Mit meinen Grödeln kann ich mich relativ sicher weit nach vorne bis ans Wasser bewegen, ohne unnötige Risiken einzugehen.

Natürlich bin ich nicht der Einzige mit entsprechender Ausrüstung und dem Wunsch nach guten Fotos.
Ganz frei bewegen kann man sich daher nicht.

Aber es reicht.

Ein paar Aufnahmen entstehen, mit denen ich wirklich zufrieden bin.

Und während ich mich langsam wieder auf den Rückweg mache, steht der Gedanke im Raum:

Vielleicht komme ich morgen noch einmal hierher zurück.

Campingplatz – Fail

Nun wird es Zeit, einen Übernachtungsplatz zu finden.

Auf der nächsten Halbinsel gibt es einen sehr gut bewerteten privaten Stellplatz.
Als ich dort ankomme, ist die Situation allerdings… sagen wir: unklar.

Der Hof ist nach dem letzten Schneefall nur teilweise geräumt.
Die eigentlichen Stellplätze – und auch die Zufahrt dorthin – dagegen nicht.

Technisch wäre es kein Problem, dorthin zu fahren.
Aber die entscheidende Frage bleibt:
Ist das auch so gedacht?

Niemand ist vor Ort.
Ein Schild weist auf eine zweite Location hin.

Also fahre ich weiter.

Meeting Alex

Die Straße dorthin ist eine klassische Single-Track-Road mit Ausweichstellen – selbst im Ort.
An einer dieser Stellen kommt mir ein Van entgegen. Ein MAN TGE, britisches Kennzeichen, zwei Personen.

Ich halte an der Ausweichstelle.
Der Van hält ebenfalls – direkt neben mir.

Fenster runter.

Und wer grinst mich da an?

Alex.

Wir hatten uns vor ein paar Jahren in Alta kennengelernt. Zufällig nebeneinander geparkt, ins Gespräch gekommen – wie das hier oben eben so passiert.

Damals war er ebenfalls mit einem Transit unterwegs.
Seit ein paar Jahren organisiert er regelmäßig Van-Touren für britische Kunden und verbringt jeden Winter hier oben. Er ist auch bei Youtube sehr aktiv. (Mispronounced Adventures)

Seitdem haben wir uns immer wieder getroffen – mal geplant, mal zufällig.

Dieses Jahr hatte ich eigentlich nicht damit gerechnet.
Er wollte ursprünglich im finnisch-schwedischen Grenzgebiet unterwegs sein.

Aber…
zu kalt.

Also hatten er und seine Lebensgefährtin dieselbe Idee wie ich:
ab an die norwegische Küste.

Wir quatschen ein wenig – Zeit ist ja genug, Verkehr eher nicht.
Als dann doch ein Auto auftaucht, lösen wir die kleine spontane Zusammenkunft auf und vertagen das Gespräch auf den nächsten Winter.

Location Fail

Ich fahre weiter zur zweiten Location des Stellplatzbetreibers.

Dort steht ein großer Liner.
Und irgendwie verspüre ich wenig Lust, mich direkt daneben zu stellen.

Eigentlich hätte ich den ersten Platz bevorzugt.
Aber der Betreiber ist weiterhin nicht erreichbar.

Also bleibt nur eine Option:

Rückzug.

Und die Suche nach einer Alternative.

Mefjord

Eigentlich hatte ich das Thema Freistehen für heute schon abgehakt.

Aber auch mit den Campingplätzen ist das so eine Sache:
Zwei weitere Plätze sind zwar offiziell offen, aber praktisch nicht geräumt.

Licht ist an, die Situation bleibt trotzdem unklar.
Toiletten und Infrastruktur sind nicht zugänglich – und die Frage steht im Raum:
Soll ich jetzt einfach durch den Schnee zum Stellplatz fahren und hoffen, dass das so gedacht ist?

Auf dem Weg zum dritten Campingplatz komme ich dann an diesem Parkplatz vorbei.

Auch hier wurde schon länger nicht mehr geräumt.
Aber…
wir haben Allrad.

Also wird aus „eigentlich nicht geplant“ doch wieder eine Option.

Und dann passiert noch etwas, womit ich heute nicht mehr wirklich gerechnet hatte:

Der Himmel klart für etwa eine Stunde auf.

Die Sterne werden sichtbar –
und dazu zeigt sich sogar noch ein wenig Polarlichtaktivität.

Nicht spektakulär, aber genau genug, um den Moment festzuhalten.

Bei etwa –11 °C stehe ich also draußen und schaue nach oben.

Manchmal entstehen die besten Plätze eben genau dann,
wenn man eigentlich schon aufgehört hat zu suchen.

Das Bier gibt es heute als Betthupferl – an diesem Tage sicher wohlverdient.

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