Tag 9: Lødingen bis Mjøsundbruan

Lødingen bis Mjøsundbruan, Richtung Senja, das ist der Plan für heute – Abends idealerweise irgendwo sein, wo die Sicht auf Polarlichter Erfolg verspricht. Aber der Tag startet mit Schnee und wird schnell aufregend. Werde ich am Abend das ersehnte Grün am Himmel beobachten und fotografieren können?

Lødingen

In der Nacht hat es leicht geschneit – vielleicht zwei Zentimeter.
Genug, um alles wieder frisch aussehen zu lassen.

Am Morgen werde ich von der ersten Fähre geweckt.
Man hört sie deutlich, wenn sie vor der Hafeneinfahrt „abbremst“ – ein tiefes, brummendes Geräusch, das sich erstaunlich gut als Wecksignal eignet.

Beim Frühstück nimmt die Baustelle gegenüber ihren Betrieb auf.
Damit hatte ich gerechnet.

Was allerdings auffällt:
Die Bauarbeiter legen auffallend viele und auffallend lange Pausen ein.

Ich vermute, es handelt sich um eine sehr nordische Form der Arbeitsorganisation:
Nach etwa zehn Minuten Arbeit folgen zwanzig Minuten Wiederaufwärmen.

Bei den Temperaturen auch irgendwie nachvollziehbar.

Da der Stellplatz sogar eine Küche bietet, nutze ich die Gelegenheit und spüle das Geschirr der letzten Tage einmal ordentlich ab.

Sonst greife ich ja eher auf Kais Methode zurück.

Noch ein letztes Foto vom Hafen –
und dann geht es weiter.

Zur nächsten Fähre.
Und damit einen Schritt näher in Richtung Senja.

Come to rescue

Gerade bin ich auf die E10 aufgefahren, da fällt mir ein etwas… ungewöhnlich geparktes Fahrzeug ins Auge.

Die Frage, ob Hilfe benötigt wird, wird dankbar bejaht.
Der junge Franzose aus Montpellier hat mit seinem Mietwagen offenbar eine andere Vorstellung von der idealen Fahrtroute gehabt als das Fahrzeug selbst.

Kurz gesagt:
Er steckt fest.

Also wird das kinetische Bergeseil ausgepackt.

Der Softschäkel erweist sich dabei als leicht widerspenstig – mit etwas Geduld und sanfter Gewalt lässt er sich aber schließlich durch den Abschlepppunkt am Heck frickeln.

Danach heißt es:
Van wenden, rückwärts an das festgefahrene Fahrzeug heranmanövrieren und sauber positionieren.

Als alles sitzt und das Seil an der Anhängerkupplung hängt, wird es fast schon unspektakulär:

Ein kurzer Zug –
und das Fahrzeug ist wieder frei.

Der Franzose ist entsprechend sehr erleichtert.

Zwei Norweger haben das Ganze interessiert, aber in gewohnter Ruhe beobachtet.
Ein lettischer LKW-Fahrer wollte ebenfalls helfen, erkannte dann aber schnell, dass die Situation bereits unter Kontrolle ist.

Und für mich gab es noch eine Premiere:

Der Softschäkel wurde zum ersten Mal eingesetzt –
und direkt erfolgreich.

Ein guter Start für die Karriere als
mobiler Bergungsdienst im hohen Norden.

Tjeldsund Bruan

Jedem, der in Norwegen mit dem Fahrzeug entlang der Küste unterwegs ist, fallen sie früher oder später auf:

Diese beeindruckenden Brückenbauwerke.

Auch der Tjeldsund hat eine davon.

Auf dem Weg zu den Westlofoten – und wieder zurück – habe ich sie sogar schon einmal überquert.
Die Erinnerung daran ist allerdings inzwischen etwas verblasst.

Was geblieben ist, ist das Gefühl:

Diese Brücken sind mehr als nur Infrastruktur.
Sie wirken fast wie bewusst gesetzte Verbindungen zwischen Landschaften, die eigentlich getrennt sein wollen.

Und auch wenn die konkrete Erinnerung fehlt –
die Faszination ist nach wie vor da.

Harstad

In Harstad habe ich noch kurz eingekauft.

Auf der Liste stand unter anderem Zitronensäure – ideal für meine Trockentrenntoilette.
Nur leider scheint das hier kein besonders gefragter Artikel zu sein.

Zu dritt hat das Personal im Rema 1000 versucht herauszufinden, wo man so etwas bekommt.
Das Ergebnis: verfügbar – aber ausschließlich als Backzutat.

Und in dieser Form ist sie dann doch deutlich zu teuer für meinen eher… technischen Einsatzzweck.

Also: vertagt.

Kurz darauf bin ich schon wieder am Hafen.
Die nächste Fähre bringt mich auf eine weitere Insel, wo ich versuchen werde, einen passenden Stellplatz zu finden.

Mit der aktuellen Schneelage könnte das eine kleine Herausforderung werden.
Aber im Zweifel fahre ich einfach noch eine Insel weiter.

Während wir hier warten und ich noch überlege, ob ich überhaupt mit auf die Fähre passe, passiert etwas Unerwartetes:

Der LKW-Fahrer vor mir – der bis eben geduldig in der Schlange stand – entscheidet sich plötzlich um.

Er steigt aus, inspiziert seinen Auflieger sehr gründlich…
und fährt dann einfach wieder weg.

Ich vermute:
Da hat jemand festgestellt, dass noch etwas Wichtiges fehlt.

Auch eine Art, seine Packliste kurz vor der Abfahrt noch einmal zu überprüfen.

Engenes

Das mit den Stellplätzen im Winter ist so eine Sache.

Ich bin auf diese kleine Insel gefahren, in der Hoffnung, anhand der vielen Markierungen bei Park4Night einen passenden Schlafplatz zu finden.

Im Norden des Ortes gibt es einen kleinen Hafen.
Rein praktisch wäre es hier sicherlich kein Problem, für eine Nacht zu stehen, ohne jemanden zu stören.

Allerdings habe ich dabei weniger die Umgebung im Blick –
sondern eher mich selbst.

Denn ruhig dürfte es hier eher nicht werden.

Der Hafen ist offensichtlich aktiv, und es herrscht ein reger Betrieb rund um die Fischerei.
Also genau die Art von Ort, die früh morgens wieder zum Leben erwacht.

Dazu kommt:
Die Aussicht nach Norden ist eher… überschaubar.

Falls sich wider Erwarten doch noch eine Gelegenheit für Polarlichter ergeben sollte, wäre dieser Platz also auch nicht gerade ideal.

Damit wird klar:
Funktional möglich –
aber nicht wirklich das, was ich suche.

Also lieber weiter.

Ibestad

Ein, zwei Dörfer weiter gibt es noch eine vielversprechende Option für einen Stellplatz.
Zumindest, wenn man der Beschreibung bei Park4Night glauben darf.

In Skandinavien gilt beim Freistehen ja die unausgesprochene Regel:
ausreichend Abstand zu bewohnten Gebäuden halten – und im Idealfall gar nicht erst gesehen werden.

Was im Sommer gut funktioniert, kann im Winter allerdings schnell nach hinten losgehen.
Denn Bäume haben hier die Angewohnheit, im Winter ihr Laub einfach wegzulassen – und damit auch jeden Sichtschutz gleich mit.

So auch bei diesem Platz:
Im Sommer vermutlich perfekt, im Winter allerdings gut einsehbar von den umliegenden Häusern.

Also eher… suboptimal.

Während ich noch überlege, ob ich mich trotzdem dort hinstellen soll, fahren mehrere Fahrzeuge vorbei.
Die Fahrer grüßen alle freundlich.

Das signalisiert:
Im Prinzip wäre es wohl kein Problem, hier zu stehen.

Trotzdem fühlt es sich nicht ganz richtig an.

Die anderen potenziellen Stellplätze entlang der Strecke, die ich mir gespeichert hatte, sind ohnehin durch den Schnee nicht erreichbar.

Also fällt die Entscheidung:
Noch ein Stück weiterfahren und einen offiziellen Parkplatz, etwa 20 Kilometer entfernt, ansteuern.

Ein kleiner Haken bleibt:

Ich muss dafür erst einmal wieder zurück.

Denn hier endet die Straße im Winter schlicht und einfach.
Der Rest wird nicht mehr geräumt.

Auch eine sehr klare Art zu sagen:
Bis hierhin – und nicht weiter.

Zumindest ohne Schneemobil.

Fjord

Kurz bevor ich den nächsten Stellplatz erreiche, fällt mir noch ein Fischerboot im Fjord auf.

Was genau dort passiert, ist nicht ganz klar.
Es sieht nicht danach aus, als würde aktiv gefischt werden – eher treibt das Boot gemächlich mit dem Gezeitenstrom.

Vielleicht gehört genau das auch einfach dazu.

So ein Fischerboot wirkt hier jedenfalls absolut passend, fast schon wie ein fester Bestandteil der Landschaft.

Und wenn es einen gibt, der sich darüber definitiv freut, dann sind es die Möwen.

Die haben das Ganze offenbar sehr genau im Blick.

Mjøsundbruan

Es wird bereits dunkel, und die Sonne hat sich für heute verabschiedet.

Hier auf dem Parkplatz an der Brücke kann ich problemlos stehen.
Wahrscheinlich werde ich auch der einzige bleiben.

Seit den letzten Schneefällen wurde der Platz nicht mehr geräumt.
Mit Allrad und etwas Bodenfreiheit war die Zufahrt kein Problem – aber ich vermute, heute Abend wird mir das niemand mehr nachmachen.

Mit sehr viel – wirklich sehr viel – Glück könnte ich in dieser Nacht sogar Polarlichter über der Brücke fotografieren.
Die Ausrichtung passt jedenfalls. Und selbst in unmittelbarer Nähe zum Van hätte ich eine gute Perspektive.

Zunächst steht allerdings etwas deutlich Planbareres auf der Agenda:
Abendessen.

Eine kurze Inventur ergibt:
noch ein paar Eier, dazu Zwiebeln und Pilze.

Die Entscheidung ist schnell getroffen:

Rührei mit Zwiebeln und Pilzen.

Einfach, effektiv – und vor allem notwendig, da die Eier langsam ein Ablaufdatum in den Raum stellen.

Nebenbei bemerkt:
Die Pilze aus dem Rema 1000 von heute Vormittag sind vermutlich die wertvollste Zutat dieses Menüs.

Das Essen ist schnell zubereitet, ebenso schnell gegessen.
Der Van wird wieder ruhig, und die Verdauung nimmt ihren Lauf.

Und genau in diesem Moment passiert es:

Der Himmel hat offenbar doch noch etwas vor.

Die Wolken ziehen ab –
und die Polarlichter erscheinen.

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